Wenn es je einen Schurkenstaat gegeben hat, so ist es Nordkorea. Im Juni 1950 fiel es über Südkorea her. Sein "Großer Führer" Kim Il Sung schickte 1968 ein Himmelfahrtskommando bis in den Park des Präsidentenpalastes zu Seoul. Er ließ 1974 die Frau des Präsidenten Park Chung Hee ermorden und 1983 in Rangun das halbe südkoreanische Kabinett in die Luft jagen. Eine seiner Agentinnen sprengte 1987 ein voll besetztes Passagierflugzeug der Korean Airlines

andere Agenten entführten Dutzende japanischer Kinder. An der Waffenstillstandslinie von 1953 provozierte er ständig neue Zusammenstöße.

Einmal wurde dabei im Grenzort Panmunjom ein amerikanischer Offizier mit Äxten zu Tode gehackt.

Und jetzt sieht es so aus, als habe sich das Regime der kommunistischen Kim-Dynastie unter dem Sohn Kim Jong Il auch noch Atombomben zugelegt. Ein oder zwei Kernsprengkörper sollen bereits in seinen Arsenalen lagern. Stimmte dies, so wäre Nordkorea die neunte Atommacht der Erde. Obendrein besitzt es Raketen, mit denen es Seoul und Tokio, vielleicht sogar die US-Bundesstaaten Alaska und Hawaii erreichen kann. Kein Wunder, dass die Mitteilung, die der erste Vize-Außenminister Kang Sok Ju Anfang Oktober dem amerikanischen Asien-Unterstaatssekretär James Kelly machte, die Welt in helle Aufregung versetzte: Nordkoreanische Wissenschaftler arbeiteten an einem Uran-Anreicherungsprogramm, das waffenfähiges Spaltmaterial liefert.

Die Amerikaner sehen darin einen eindeutigen Verstoß gegen das im Oktober 1994 zwischen ihnen und Nordkorea geschlossene Rahmenabkommen, nach dem Pjöngjang seine Grafitreaktoren still legt, in denen waffentaugliches Plutonium anfällt, und dafür bis 2003 zwei weniger gefährliche Leichtwasserreaktoren mit einer Kapazität von 2000 Megawatt erhalten solle, gebaut und mit vier Milliarden Dollar finanziert von den Vereinigten Staaten, Südkorea, Japan und der Europäischen Union. Seinerseits verpflichtete sich Washington, den Nordkoreanern als Ausgleich für den Stromausfall bis zur Inbetriebnahme der neuen Atomkraftwerke jährlich 500 000 Tonnen Erdöl zu liefern. Dieses Abkommen beendete eine schwere internationale Krise, die Kim Il Sung 1993 mit der Aufkündigung des Nichtverbreitungsvertrages ausgelöst hatte. Präsident Clinton war damals drauf und dran, die nordkoreanischen Atomanlagen in Yongbyon und Taechon von der US-Luftwaffe in Grund und Boden bomben zu lassen.

Die neuerliche Krise wirft mehrere Fragen auf. Liegt tatsächlich eine Verletzung des Rahmenabkommens vor? Welche Überlegungen könnten Kim Jong Il zu seiner Atombeichte getrieben haben? Schließlich, warum misst Washington mit doppelter Elle? Den Schurkenstaat Irak droht es mit Krieg zu überziehen, den Schurkenstaat Nordkorea hingegen fasst es mit Samthandschuhen an.

Hat Pjöngjang das Abkommen von 1994 verletzt? Die Frage ist schwer zu beantworten, denn neben dem veröffentlichten Vertragstext gibt es ein bis heute geheimes Zusatzprotokoll. Was seinerzeit an die Öffentlichkeit gedrungen ist, bezog sich auf das damalige Atomforschungsprogramm einschließlich der Produktion von Plutonium. Jetzt aber geht es um die Anreicherung von Uran bis zur waffenfähigen Hochprozentigkeit. Ist sie ausdrücklich verboten worden? Wurde sie nicht bedacht? Verstößt sie gegen das allgemein gefasste Ziel, die koreanische Halbinsel zu entnuklearisieren, solange die amerikanischen Streitkräfte südlich des 38. Breitengrades Atomwaffen unterhalten? Manche Fachleute - in Moskau zumal, aber auch in Seoul - fragen sich zusätzlich, ob das rückständige Nordkorea überhaupt genug Strom produziert, um ein Energie-intensives Anreicherungsprogramm zu betreiben. Ist die Kernwaffenbeichte gar nur ein gigantischer Bluff?