Seine berühmteste Szene? Wie er sich im Pokalfinale 1973, es war in der Verlängerung, langsam erhebt von seinem Platz auf der Ersatzbank. Wie er sich langsam rausschält aus seinem Trainingsanzug. Wie er den Kollegen Kulik heranwinkt in aller Ruhe, dem Trainer bedeutet ohne Aufregung - das war immerhin Hennes Weisweiler, eine Ikone der Zunft -, wie er ihm bedeutet, dass er nun für Kulik spielen würde, ganz egal, was Weisweiler davon halte. Und wie er dann erstmals in diesem Spiel den Ball berührt und ihn in den linken oberen Torwinkel drosch. Zum 2 : 1-Siegtor der Borussia aus Mönchengladbach im Pokalfinale über den 1. FC Köln. Man hat in diese Szene später viel hineininterpretiert. Dass Günter Netzer damit seinen Generationskonflikt mit Gottvater Weisweiler beendete (und gewann), dass er dem Gehorsam im Land seinen Trotz entgegentrat. Und dann ging er. Verließ die niederrheinische Provinz und wurde ein Königlicher im weißen Trikot von Real Madrid.

Oder beschreiben ihn die stillen Bilder doch besser? Diese Standfotos der Bedächtigkeit, wenn er sich den Ball zurechtlegte vor dem Freistoß. Wenn er hier noch ein Krümelchen fand, das die perfekte Rundung des Balles (der in seiner Nähe gleich aussah wie eine Erdkugel) störte, dort noch die Reste eines Grashalmes wegzupfte, als ob dieser Grashalm die gleiche verheerende Wirkung habe wie die letzte Schneeflocke, die den überladenen Ast zum Abbruch bringt. Minuten vergingen. Allerdings, den gegnerischen Torhütern und Abwehrspielern, denen flatterten die Nerven, weil sie wussten, dass aus der Ruhe Netzers Kraft kam und seine Präzision. Dann trat er zurück, ein paar Schritte nur, weil Laufen seine Sache nicht war, und trat zu. Oft traf er.

Wenn der Körper etwas über die Seele aussagt, dann sehen wir auf den alten Bildern einen, der die Langsamkeit zum Prinzip gemacht hatte (weswegen er im heutigen Fußball kaum Schritt halten könnte). Es lässt sich auch in diese ritualisierte Freistoßpflege die Sorgfalt hineininterpretieren, mit der er heute in seinen Fußballkritiken im Fernsehen erst nachdenkt, bevor er spricht. Und wenn man das Prinzip der Langsamkeit als Netzersches Charakteristikum begreifen will, dann wird auch stimmig, dass er erst jetzt, in seinem 58. Lebensjahr, zur Macht gelangt ist und nun über die Vermarktungsrechte des Fußballs gebietet. Und außerdem könnte einem dann einfallen, der Mann lebt ja seit Jahrzehnten in der Schweiz. Dort, wo man es auch gern langsam hat. Aber das ist vielleicht auch überinterpretiert.

Es hat also seine Zeit gedauert, eine Zeit, in der der schillernde Fußballer Netzer immer auch ein wenig im Schatten stand. Egal, was Netzer tat, Franz Beckenbauer, der war noch viel, viel schöner. Als der Manager Netzer - im Bündnis mit dem österreichischen Lebemann Ernst Happel - Anfang der achtziger Jahre den Hamburger Sportverein zum strahlenden Europapokalsieg führte, da kam Beckenbauer gerade wieder aus New York zurück und hatte dort den Cosmos gesehen. Und gab sein Comeback beim HSV, wo er auch diesmal noch viel, viel schöner strahlte. 20 Jahre später war es Netzer, der mit einfachen Wahrheiten über die Befindlichkeiten der Nationalmannschaft als Fernsehkommentator im Bündnis mit dem selbstlosen Journalisten Gerhard Delling den Grimme-Preis verdiente. Das war schön, aber es war nicht so schön wie Beckenbauer, der die Weltmeisterschaft 2006 ins Land holte. Ja! Franz! Jaaaa!, schrieen die Blätter. Netzer hingegen wurde in den Feuilletons gestreichelt.

Ist Netzer ein Visionär, ein Ästhet, ein Minimalist, ein Rebell?

Die beiden Lichtgestalten schienen sich mit den ihnen zugedachten Rollen abgefunden zu haben, da geschieht in diesen Tagen etwas Seltsames. Nun, da sich Beckenbauer im Dschungel seiner vielen Werbe- und Eheverträge nicht mehr so recht zurechtzufinden scheint, da kommt Günter Netzer mal wieder aus der Tiefe des Raumes, wie das mal ein großer Feuilletonist formulierte. In Zukunft bestimmt Netzer, wer wann und zu welchen Bedingungen die lukrativsten Fußballspiele übertragen darf, und er wird, als Aufsichtsrat des Organisationskomitees für die WM 2006, dem Chef dieses Komitees, Beckenbauer, auf die Finger sehen. Und schließlich hat er bis 2006 als Kommentator der ARD die Interpretationshoheit über die Nationalmannschaft. Qualität, könnte man jetzt tröstlich herleiten, setzt sich früher oder später durch.

So ist das mit dem Netzer. Ständig glaubt man, dass alles, was er tut, eine andere Bedeutung habe, als das, was er tut. Ist je ein Fußballspieler so umfassend und tiefschürfend, mystisch und modisch, existenziell und ideologisch interpretiert, ja überinterpretiert worden wie dieser Günter Netzer? Beckenbauer mag reich und mächtig sein, aber trotzdem blieb er immer überschaubar und wenig geheimnisvoll.