Werden es die Männer nie lernen? "Wie soll ich wohl in diesem engen Rock auf eine so hohe Bühne klettern?", knurrt Renate Schmidt bei einem ihrer zahlreichen Rednereinsätze im Bundestagswahlkampf. Die gedankenlosen Gastgeber huschen aufgeschreckt durch die Gegend und organisieren ein Treppchen. Einem würdigen Auftritt steht nun nichts mehr entgegen. Die kleine Szene ist typisch für die neue Familienministerin, die der Bundeskanzler in letzter Minute den Proporz-Kandidatinnen Christel Riemann-Hanewinckel (Ostfrauen) und Ute Vogt (junge Frauen) vorzog: Renate Schmidt hat einen Blick für das Praktische. Zu ideologischen oder vielleicht besser: modischen Positionen neigte sie in ihrer politischen Karriere eigentlich nur bei Themen, die ihrer beruflichen Erfahrung als Programmiererin und ihrer Lebenserfahrung als dreifacher Mutter (und später dreifacher Großmutter) fern lagen. Sie stimmte zum Beispiel gegen die Nato-Nachrüstung und bewies zeitgeistkonformes Rebellentum, indem sie 1982 im Bundestag mit sieben Gleichgesinnten den Haushaltsentwurf der eigenen Regierung ablehnte.

"Natürlich ist sie eine Achtundsechzigerin", sagt ein langjähriger Mitarbeiter, "allerdings ohne akademische Verformungen und ohne die typischen lebensweltlichen Verrücktheiten." Anders als die klassischen Brandt-Enkel habe Schmidt keine prägende Phase in den Schützengräben des Juso-Bundesvorstands zugebracht.

Genau dies ist der Punkt, der ihren familienpolitischen Ansatz erklärt - und ihn auf einmal in einem Schröderschen Sinne fortschrittlich erscheinen lässt.

Renate Schmidt wäre nicht in der Lage, ihre Erfahrungen als politisch aktive, berufstätige Mutter im Namen irgendeines abstrakten Theoriekonstrukts zu verleugnen. Der Gleichstellungskatalog der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) ist ihr immer herzlich egal gewesen.

Dementsprechend verhalten klingt der Jubel über ihre Ernennung im frauenbewegten Lager.

Renate Schmidt weiß, was Zeitnot und Termindruck bedeuten, was es heißt, wenn der Babysitter kurzfristig absagt, wenn die Kinder plötzlich krank werden oder weinen, weil man sie allein lassen muss. Der Tod ihres ersten Ehemannes hat ihr die Grenzen der Planbarkeit gezeigt, die Relativität von Selbstdisziplin - und dass Trauer und Einsamkeit Gefühle sind, die das ganze Leben in den Griff nehmen können. Sie hat öffentlich über ihre Sehnsucht nach Liebe gesprochen - und die Boulevardzeitungen machten daraus Überschriften à la Genossen, was ist los mit euch, Renate Schmidt sucht einen Mann.

Renate Schmidt ist zum zweiten Mal verheiratet. "Nie" würde sie sich scheiden lassen, hat sie in einem Interview gesagt - zugleich wäre sie die Letzte, die anderen vorschreiben wollte, wie sie zu leben haben. Das gilt auch für das Herzstück sozialdemokratischer Familienpolitik, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Renate Schmidt weiß, dass es eine schmerzlose Vereinbarkeit dieser auseinander strebenden Sphären nicht gibt