Die Uhr zeigt fast Mitternacht, und selbst eine so hohe Beamtin wie Brigitte Zypries hätte eigentlich längst Dienstschluss. Da klingelt in ihrer Jackentasche das Handy, mit schnarrender Stimme meldet sich ihr Vorgesetzter, der Bundesinnenminister. Nein, es ist keine Katastrophe passiert, keine neue Flutwelle hat Sachsen überrollt. Es ist ein ganz normaler Arbeitstag, und wie so oft fällt Otto Schily noch zu später Stunde dieses oder jenes ein, was er meint, ohne Aufschub dekretieren zu müssen. "Ja, ich erledige das", antwortet Brigitte Zypries knapp und freundlich, "ich kümmere mich darum."

An jenem Oktoberabend ist die 48-Jährige noch Staatssekretärin im Bundesinnenministerium und führt folgsam die Weisungen ihres Dienstherrn aus.

Wenige Tage später aber (seit vergangenem Mittwoch) leitet sie bereits selbst eine Verfassungsbehörde, eine zudem, die in natürlicher Konkurrenz zum Amt von Otto Schily steht: das Bundesjustizministerium. Kann das gut gehen? Kann eine, die bis Dienstag treu dem Innenminister diente, schon ab Mittwoch penibel darüber wachen, dass dieser in seinem unerbittlichen Kampf gegen Terroristen und andere Kriminelle nicht allzu arg die Freiheitsrechte der Bürger strapaziert? Oder ist Brigitte Zypries, wie einige Kommentatoren argwöhnten, nur das Trojanische Pferd des Otto Schily?

An der widerborstigen Herta Däubler-Gmelin jedenfalls haben sich sowohl Schily als auch der Bundeskanzler oft wund gerieben. Eine bequemere Notarin der Regierung käme deshalb wohl beiden gelegen. Umgänglicher als ihre Vorgängerin ist Brigitte Zypries allemal, und anders als diese tritt sie ihr neues Amt nicht mit großen rechtspolitischen Visionen an. Wie sollte sie auch, da sie quasi über Nacht in diese Aufgabe gedrängt wurde? Doch große Justizreformen stehen derzeit ohnehin nicht an. Jetzt wird vor allem eine Vorschrift zur besseren Kontrolle von Managern, Vorständen und Aufsichtsräten gebraucht. Ansonsten sollte die ewig ratternde Gesetzesmaschine endlich gestoppt und stattdessen der Justizapparat geölt werden. Dafür ist Zypries die Richtige. Wie man einer schwerfälligen Bürokratie energisch zu Leibe rückt, hat sie erst in der hessischen, dann in der niedersächsischen Staatskanzlei und später im Innenministerium unter Beweis gestellt. Die gerade unter Beamten beliebte Ausrede: "Das geht doch nicht!" bringt sie immer wieder zur Weißglut. Hätte sie allein das Sagen, würde das öffentliche Dienstrecht viel radikaler reformiert werden. Ihr Vater besaß zu Hause in Kassel einen Drogerieladen. Sympathie für freie Berufe entwickelte sie auch als Mitarbeiterin des Verfassungsrichters und Arbeitsrechtlers Thomas Dieterich. Warum eigentlich müssen Lehrer Beamte sein? "Kalaschnikowa" wird sie seitdem von Kollegen genannt.

Obwohl bislang mehr Managerin als Politikerin, ist die Sozialdemokratin Zypries keineswegs überzeugungslos. Im Gegenteil. Still, aber beharrlich verhinderte Schilys Staatssekretärin die Verschärfung des Versammlungsrechts.

Dem Innenminister grauste es davor, dass Rechtsextremisten vor den Augen der ganzen Welt durch das Brandenburger Tor und vor das Holocaust-Mahnmal marschieren könnten. Doch Zypries begriff blitzschnell: Wer aus noch so nachvollziehbaren Gründen einer bestimmten Gruppe von Demonstranten Zügel anlegt, beschädigt das demokratische Versammlungsrecht insgesamt. Dieses Argument, unterfüttert mit einem von ihr bestellten Gutachten, überzeugte auch Schily - jedenfalls vorerst. Der verlängerte Arm des Innenministers ist Brigitte Zypries nicht.