Wo hohe Palmen weiße Strände säumen und ein makellos blauer Himmel sich über das türkisfarbene Meer spannt, da ist das Paradies. Das Paradies wurde zur Glücksverheißung einer Tourismusindustrie, die überall dort, wo ferne Gestade mit den genannten Ressourcen aufwarten können, ihrer Klientel einen Garten Eden zu Füßen legt. Kein anderer Ort jedoch hat seinen Ruf als Paradies so früh erworben wie die indonesische Insel Bali, die ihn trotz aller Fährnisse und weltweit zunehmender Konkurrenz fast über ein Jahrhundert hat bewahren können. Bis zur Nacht vom 12. auf den 13. Okober diesen Jahres.

Der Zauber Balis hatte Bestand, weil hier eine vom Hinduismus geprägte Kultur ihren Ausdruck in Bildern von betörend-exotischer Schönheit findet: Farbenfrohe Tempelfeste, blumengeschmückte Schreine auf Schritt und Tritt, kunstvoll drapierte Opfergaben vor jedem Laden, jedem Restaurant. Sogar auf den Gehwegen muss der Feriengast aufpassen, dass er nicht versehentlich in die frommen Gaben für die Götter tritt.

Und doch: Würden die Gläubigen so unermüdlich um die Gunst der himmlischen Mächte buhlen, wenn Bali tatsächlich die Insel der Seligen wäre, für die sie von 1,5 Millionen Touristen jährlich gehalten wird? Der Topos vom Paradies hatte zur Folge, dass die Realität Balis stets hartnäckig ignoriert und verdrängt wurde. Als der Paradies-Slogan Anfang des 20. Jahrhunderts in Umlauf gesetzt wurde, sollte damit vor allem eine vorausgegangene Katastrophe kaschiert werden.

Im Jahr 1906 fielen die niederländischen Kolonialherren, die bereits seit mehr als zweihundert Jahren über die lukrativsten Inseln des indonesischen Archipels herrschten, auch in Bali ein. Ihrer militärischen Übermacht waren die Balinesen nicht gewachsen. Sie flüchteten sich in einen gemeinsamen Massenselbstmord. Waffenlos liefen sie in die Gewehrsalven der Holländer oder setzten ihrem Leben mit dem Kris, dem landesüblichen Dolch, ein Ende. Über tausend Frauen, Männer und Kinder ließen bei zwei dieser kollektiven Todesmärsche ihr Leben.

Dieses Drama sollte schnell in Vergessenheit geraten. Die Reiseprospekte, mit denen die holländische Dampferlinie KPM bald darauf vehement um europäische Touristen warb, schmückten traumschöne Landschaften mit lächelnden und - Gipfel der Exotik - barbusigen Frauen.

Kein Reiseleiter erwähnt die blutige Kommunistenhatz

Wer ausreichend Geld und Muße hatte in Europa, machte sich auf den Weg, und die Neuankömmlinge wurden nicht enttäuscht. Unter den Besuchern waren zwar, wie ein Zeitgenosse kritisch anmerkte, jede Menge Leute mit mehr Geld als Verstand. Vor allem aber fühlten sich Künstler von dem farbenfrohen Paradies angezogen, und ihre überschwänglichen Reiseberichte mobilisierten ständig neue Besucherscharen. Sie alle wollten mit eigenen Augen sehen, wie sich zierliche Tänzerinnen in der magischen Klangwelt allgegenwärtiger Gamelan-Orchester wiegten, und die Kaskaden blendend grüner Reisfelder bewundern. 1936 wurde das erste Hotel am Strand von Kuta errichtet. Und in dem Gebirgsdorf Ubud, nördlich der heutigen Hauptstadt Denpasar gelegen, entstand eine vitale Künstlerkolonie um den deutschen Maler Walter Spies.