die zeit: Die deutsche Regierung wie auch eine breite Öffentlichkeit sind entschieden gegen militärische Aktionen im Irak. Man befürchtet eine Destabilisierung des Nahen Ostens. Können Sie solche Ängste verstehen?

Kanan Makiya: Ich versuche, die Sache aus der Sicht der arabischen Staaten und des Nahen Ostens zu sehen, und da stellt sich diese viel beschworene Stabilität als fataler Stillstand dar. Die arabische Welt steht im Moment an einem historischen Scheideweg. Sie steckt in einer tiefen politischen Krise.

Der kürzlich veröffentlichte UN-Report hat die politischen Hindernisse aufgezählt, die der Entwicklung im Wege stehen. Saddam Husseins Irak ist eines der Haupthindernisse. Erstens, weil das Schicksal des Irak in einer verqueren Weise mit dem Oslo-Friedensprozess verknüpft ist: Wann immer es Saddam gut geht, stockt der Friedensprozess, wenn er unter Druck ist, kommt der Prozess voran. Zweitens wegen der politischen Kultur, für die Saddams Regime steht. Saddam repräsentiert die Vorstellung einer arabischen Politik der Stärke, die sich durch die hochgerüstete Gegnerschaft zu Israel definiert. Er ist die Speerspitze all jener Autokratien im Nahen Osten, die ihre tyrannische Herrschaft durch die Notwendigkeit der Rüstung gegen Israel legitimieren. Die Destabilisierung dieses Systems - die Schwächung des Einflusses von Diktaturen wie Saudi-Arabien und Syrien auf die arabische Politik - scheint mir im besten Interesse der Region.

zeit: Aber daraus kann man doch kein Recht auf Krieg ableiten?

Makiya: Ich bin kein Experte in diesen Fragen. Aber mir scheint es nicht ganz unwichtig, dass eine überwältigende Mehrheit jener Iraker, die sich in erzwungener Emigration befinden - wir sprechen hier von einem Sechstel der Gesamtbevölkerung -, und auch der Kurden, die sich im Norden des Landes und also außerhalb des Zugriffs des Regimes befinden, diesen Krieg will. Meine Kontakte in den Irak bieten mir das gleiche Bild - die Mehrheit der Menschen dort will ebenfalls diesen Krieg. Ich sage nicht, dass das eine Rechtfertigung für Krieg ist. Aber ich spreche jetzt zu Ihnen als Iraker.

Saddam Hussein hat einige der schlimmsten Verbrechen wider das Menschenrecht seit dem Zweiten Weltkrieg zu verantworten. Wir haben es hier nicht mit einem lokalen Drittweltdespoten zu tun. Er hat zwei Kriege vom Zaun gebrochen, er hat Massenvernichtungswaffen gegen Nachbarstaaten und gegen seine eigenen Untertanen angewandt.

zeit: Ist es nicht trotzdem besser, die von ihm ausgehende Gefahr durch neuerliche Inspektionen einzudämmen - diesmal gestützt auf die Entschlossenheit, notfalls Gewalt anzuwenden?