An den Kunstakademien ist seit einigen Jahren eine Veränderung zu bemerken, die zweifellos eine Sensation darstellt: Sie sind weiblich geworden. Bei Neuberufungen setzen sich zwar nach wie vor meist die Männer durch, aber die Studierenden sind inzwischen in der Mehrheit Studentinnen.

Sogar Zweidrittelmehrheiten sind an manchen Akademien zu konstatieren, Tendenz weiterhin steigend. Ob es sich um Kunsterzieherklassen, angewandte Fächer oder freie Kunst handelt: Überall haben die Frauen kräftig zugelegt, am eindrucksvollsten wohl im Bereich der Malerei. Mancher Professor sichtet die Mappen bereits ein zweites Mal daraufhin, ob nicht doch noch ein männlicher Kandidat auftaucht, den man, mit zugedrücktem Auge, aufnehmen könnte. Sind die Männer so schlecht geworden? Oder bewerben sie sich nicht mehr? Was bedeutet es, dass an den Akademien auf einmal überwiegend Frauen ausgebildet werden?

Einst waren Kunsthochschulen reine Männerbastionen

manche nahmen erst nach dem Ersten Weltkrieg Studentinnen auf, und auch das nur, weil sie vom Staat dazu gezwungen wurden. Für die Damen könne Kunst kein Beruf sein, glaubte der Rektor der Münchner Akademie, Ferdinand von Miller

ihnen gehe meist ein "wirklich ernstes Streben" ab, ja ihnen sei es nur darum zu tun, "die Zeit herumzubringen". Viele seiner Kollegen teilten Millers Vorurteile: Für sie hatte ein Künstler männlich zu sein - und diese Vorstellung blieb im gesamten 20. Jahrhundert akutell.

Man denke an den Avantgarde-Künstler, der seinen Tugendkanon dem Militärischen entlehnte und Risikobereitschaft, Vorwärtsstreben sowie existenzielle Kompromisslosigkeit zu seinen Haupteigenschaften erklärte

oder an den Künstler, der sich als Revolutionär, Abenteurer, Schamane verstand und in der Tradition großer mythischer Helden, Asketen und Titanen sah