Warm anziehen war die Devise dieses Herbstes, fest im Sturm stehen, wenn die Proteste, die Häme, das Hohngelächter anbranden, Kanon! die Leute kreischen würden, Kanon! Für Schüler? Haha! Es gab Grund, Befürchtungen zu haben. "Das Vaterland ist in Gefahr", hatte vor fünf Jahren eine große Zeitung gehöhnt, als die ZEIT in einem Probelauf etwa 40 Personen des öffentlichen Lebens, Robert Gernhardt und Harald Schmidt zum Beispiel, Siegfried Unseld, auch Inge Meysel und Elfriede Jelinek, gebeten hatte, Schülern fünf unverzichtbare deutsche Literaturwerke zu nennen. Goethe hatten die meisten Befragten damals gesagt, natürlich der Faust, Franz Kafka stand auf Platz zwei, Büchner und Brecht gleich dahinter, und ein Empörungsschrei hatte sich Bahn gebrochen. Hochnäsig, langweilig, Realsatire!, das waren noch die leisesten Beschimpfungen gewesen. Alle Feinde Goethes waren in Formation gebracht: selbstgefällig, elitär, Betrug am Schüler, hohes pseudointellektuelles Blabla, so bollerte es aus vollen Rohren, Faschismusverdacht kam unweigerlich auf, Lektüredrill für Untertanen! Und heute? Nicht weniger als 50 Bücher umfasst die ZEIT-Schülerbibliothek, Goethe, Kleist, sogar von Arnim - und uns erreichen neben skeptischen doch auch begeisterte, zustimmende, vor allen Dingen nachdenkliche Reaktionen (siehe Leserbriefe S. 18).

"Die Idee als solche ist nicht übel", heißt es da typischerweise, und gefragt wird: Warum nur Werke nicht lebender Autoren? Wieso allein deutsche Literatur, doch nicht nur Goethe, wo ist bloß Uwe Johnson, es geht doch nicht ohne Johnson?! So kommt man ins Gespräch, tauscht Ideen aus, bekennt sich zu Leidenschaften, verrät seine Schwächen. Und merkt, etwas ist anders geworden.

Klimaerwärmung, also auch in dieser Atmosphäre.

Vorbei die Zeiten, als in Elternkreisen fundamentalistisch allein darüber gestritten wurde, ob die rechte Schulnahrung ein Nutella-Vollkornbrot sein dürfe, als Schüler dort abgeholt werden mussten, wo sie sowieso schon hinwollten: bisschen Eminem-Rap und andere Textsorten, am besten, was gerade Tageszeitungsgespräch war, möglichst wenig Fremdes jedenfalls, so Sperriges wie die vergessene Tradition. Und jetzt plötzlich ist sie zugelassen, die Frage: Was soll denn bleiben? Was lohnt sich? Wo niemand wissen kann, was morgen kommt, wenn die nächste Entlassungswelle anrollt, außer dass es dann keinem nützen wird, das HTML-Handbuch auswendig zu können. Und alle ahnen: Bleiben wird wenig vom Heute, jedenfalls nicht die Software.

Eine Irritation wird spürbar. Man könnte auch sagen: eine Bescheidenheit der Erziehenden. Verstanden die Lektion von Pisa, dass diese Kinder sprachlich ausgehungert sind. Eingestehen, dass wir nicht alle Rezepte haben, dass die Suche Mühe macht. Aber den Unsrigen doch dies sagen können: der Hiob! Oder: Rose Ausländer - das war uns wichtig, die liegt mir am Herzen.