Nicht-mehr-Popsängerin trifft Nicht-mehr-Jazzpianisten. Das wär's in einem Satz. Mehr möchte man zunächst gar nicht hinschreiben, weil die beiden, um die es hier geht, selbst so sparsam sind. Kein überflüssiger Ton, kein Wort zu viel und das wenige ohne Hast - Musik braucht Raum und Zeit und Stille und Klarheit, und in Norwegen gibt es offenbar noch genug davon. Sidsel Endresen - Lieder, Worte, Silben, Laute. Bugge Wesseltoft - Klavier, Perkussion, Sampler, Mischpult. Sie im Stehen mit kraftvoller Stimme und Haaren bis zu den Hüftknochen er auf dem Hocker, kahl geschoren, Hornbrille, Turnschuhe, die eine Hand am Klavier, die andere am Laptop. Die herbe Schönheit aus Oslo und ihr intellektuelles Gegenüber vereinen Improvisation und Informatik. Sidsel zwischen Silizium und Silenzium - Bugge wie bug, Fehler im System. Kaum beginnen sie ihre langsamen Balladen, beginnt sich ihr Nicht-mehr-Pop, Nicht-mehr-Jazz zu erklären: Nicht-mehr verstehen sie nicht als Niemehr sondern als Nicht-mehr-nur. Ihnen geht es nicht um die Abkehr vom Eigenen, um die Leugnung der Ursprünge, sondern um die Öffnung des Überkommenen für das andere, das Neue. Ihre ästhetischen Mittel sind Zurückhaltung, Balance und Muße. Und Mut: die weibliche Stimme allein der männlichen Technik auszusetzen. Aber Bugge ist sehr zärtlich mit Sidsel. Im Konzert singt sie 50 Ways To Leave Your Lover von Paul Simon, auf der CD singt sie das untröstliche Birds von Neil Young. Er gesellt sich ihr zu mit leisem Klopfen, bewegenden Harmonien oder dröhnenden, synthetischen Tiefsttönen. Wer sich die Ohren zuhält, kann sie mit dem Bauchfell hören. Ein Mann und eine Frau und ein Thema: die Camouflage der Seelen in den Zeiten der Kommunikation. Auch der Pulsschlag ist eine Taktrate, Herz schreibt sich mit t. "Truth is a relative thing", singt sie, "always adjustable / to reality / and little is / just so / just so." Melancholisch klingt das, nordisch, nüchtern, bar jeder aufgeflogenen Hoffnung - und doch wird kaum ein reflektierender Großstadtbewohner diese Musik ganz missvergnügt zur Seite legen. Zu stark ist das Gefühl, hier auf eine Art verstanden zu werden, auf die einen seit der frühen Joni Mitchell niemand mehr hat verstehen können (und wie lang ist das her!). Zudem ist nicht nur Wahrheit relativ, sondern auch Erkenntnis. Nichts gilt mehr für ewig, selbst die Depression hat ein Verfallsdatum. Die bei Universal/Jazzland erschienene CD verkündet das schon im Titel: Out here. In there - alles ist Übergang, Stillstand ist Vergangenheit. Alles wird wieder gut, weil es schlecht nicht bleiben kann.