Hellmuth Henneberg: Meuterei vor Rügen - was geschah auf der "Seebad Binz"?

Der Prozess gegen die Junge Gemeinde 1961 in Rostock

Hinstorff, Rostock 2002

182 S., 17,90 e

Am 18. August 1961, fünf Tage nach Abriegelung der DDR, verlässt das Ausflugsschiff Seebad Binz den Wolgaster Hafen. An Bord ist biederes Ferienvolk, darunter zwei Gruppen der Jungen Gemeinde aus Berlin-Schmöckwitz und aus Brandenburg. Der Wind frischt auf, die Ostsee wird rau. Der Kapitän befiehlt Rückkehr, anstatt, wie geplant und gebucht, sich der dänischen Insel Bornholm auf Sichtweite zu nähern. Die enttäuschten jungen Leute skandieren: "Wir wollen nach Bornholm!", und kritzeln dem Schiffsführer eine launige Petition: "Seiner Majestät, dem Herrn Admiral auf SMS Seebad Binz untertänigst übermittelt: In Anbetracht der guten Stimmung auf dem Oberdeck bitten 10 Berliner stellvertretend für die meisten Passagiere um Fortsetzung der Fahrt in Richtung Bornholm."

Die völlig harmlose Szenerie eskaliert in unfassbarer Weise. DDR-Küstenschutz greift ein und verhaftet die "Banditen". In einem Schauprozess vor dem Bezirksgericht Rostock werden die "Rädelsführer" zu je acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Die SED-Medien enthüllen, aus welcher Gefahr wachsame Genossen die Republik soeben erretteten. Vier Jahrzehnte später hat Hellmuth Henneberg, Fernsehjournalist beim ORB, dieses Exempel von DDR-Staatswillkür aus dem Vergessen gehoben. Er sprach mit Opfern und Tätern, er beleuchtet das Verhältnis von frühem SED-Staat und evangelischer Kirche und erhellt den politischen Horizont. Vor allem jedoch ist sein akribisch recherchierter Erinnerungsreport ein kafkaeskes Lehrstück über den Einzelnen im Mahlwerk der Diktatur.