Wenn Sie im Morgengrauen durch die Nebenstraßen von Bagdad schleichen und merken, dass Sie von einem unrasierten Mann verfolgt werden, dann ist es Zeit für Plan B: Werfen Sie Ihren Geldbeutel auf den Boden, und verschwinden Sie!

Das hilft immer, es sei denn, der Mann will Ihnen nur Ihren Fotoapparat hinterhertragen, den Sie im Restaurant vergessen haben. Man muss ja als Reisender bedenken, wie illuster die Gefahren sind, die hinter jeder Ecke lauern: Viel größer als die Chance, einem Meuchelmörder zu begegnen, ist doch die Wahrscheinlichkeit, sich lächerlich zu machen. Mit Wilhelm Busch gesprochen: In Ängsten findet manches statt, / was sonst nicht stattgefunden hat. Jedoch lebt ein Defätist, der seinen Mitmenschen das Schlimmste zutraut, allemal sicherer als ein Skeptizist, der ruhig abwartet, was die dunklen Gestalten, die ihm auf den Fersen sind, tatsächlich wollen.

Schwarzsehen empfiehlt jedenfalls auch der Autor des Buches The World's Most Dangerous Places (HarperResource

15,37 $) als effektivste Methode der Gewaltprävention, als Geisteshaltung allerdings favorisiert Robert Young Pelton (der einen Flugzeugabsturz in Borneo überlebt, mehrere Amerikaner aus einem kolumbianischen Gefängnis befreit und einst das erste Video-Interview mit afghanischen Taliban-Führern zustande gebracht hat) ausgeprägten Galgenhumor. Darum heißt seine Homepage www.comebackalive.com, und die Kapitel seines 1995 erstmals erschienenen Reiseführers für tausendundeine Gefahrenzone lauten Happiness is a warm gun oder Souvenirs from hell. Das Buch soll aber keine Einladung ins Krisengebiet sein, sondern eine muntere und anschauliche Schilderung jener permanenten Todesgefahr, die wir verharmlosend das Leben nennen. Man kann hier gefährliche Plätze, gefährliche Situationen und gefährliche Sachen nachschlagen, vor allem aber Ratschläge bekommen - wie man sich mit einem Kugelschreiber verteidigt und warum ein bowling ball eyeball grip den Gegner in sehr schlechte Laune versetzt, warum Fliegen 176-mal sicherer ist als Spazierengehen und wie man Russisches Roulette überlebt. Die religiösen Symbole auf den Heckscheiben der Dritte-Welt-Busse interpretiert der Autor als Hinweis auf jene höheren Mächte, in deren Hand jeder Fahrgast sich begebe. Rechnen Sie mit Gefahr, wenn Sie in ein Taxi steigen, beim Minivan rechnen Sie mit dem Tod!

Robert Young Peltons Verachtung für Kleinbusse und Rucksacktouristen speist sich aus seiner Cowboy-Attitude, mit der er wenigstens rhetorisch über die bösen Buben (Osama bin Laden, Subkommandante Marcos, die Roten Khmer) triumphieren will. Dank eines außergewöhnlichen Recherchemutes gehört Dangerous Places in die Kategorie der hard boiled-Reportage, formal gesehen folgt das Buch aber den besten Traditionen parodistischen Erzählens. Als kritische Nachbildung der Wirklichkeit will es ein Lachen des Wiedererkennens, noch mehr aber der Schadenfreude und der Aggression hervorrufen. Da wendet sich der Verfasser an die Touristen und ihre potenziellen Entführer gleichermaßen und straft sie mit dem Hohn des Satirikers. Versetzen Sie sich doch mal in die Lage des bad guy. Er muss eine Familie ernähren, bekommt einen Hundelohn und hat einen Boss im Nacken, der ihm die Nase bricht, wenn er das wöchentliche Soll nicht erfüllt. So haben es schon die großen aufklärerischen Ironiker der Weltliteratur gehalten: den Bock zum Gärtner machen und die Geschichte als Geschichte von Lächerlichkeiten auffassen.

Peltons schärfste Waffe ist neben Sarkasmus und Sinn für suspense sein gesunder Menschenverstand. Wenn Sie sich entschließen, bestimmte Orte zu bereisen, denken Sie daran, das dies zum Tod führen kann. Weil statistisch gesehen aber viel mehr Leute daheim als im Ausland sterben, wäre es möglicherweise doch sicherer, in gefährliche Gegenden zu fahren. Das sind unter anderem Algerien, Indonesien, Ruanda, Washington D. C. - jedoch räumt Pelton ein, dass die modernen Konflikte gefahrentechnisch weitaus schlechter einzuschätzen sind als die früheren, konventionellen, weshalb er zusammenfasst: Krieg ist keine schlechte Sache für Touristen. Der Wechsel zwischen Provokation und seriöser Berichterstattung macht diese Lektüre kurzweilig. Leider kommen die USA im Kapitel über die Unterstützer terroristischer Gruppen viel zu gut weg, was sich in der nächsten Edition, für die Epoche nach dem 11. September, vermutlich nicht ändern wird.

Ansonsten versteht Pelton es meisterhaft, großspuriges Imperialistengehabe mit linksliberalen Positionen (zur Gefährdung natürlicher Ressourcen oder zur Ausbeutung der Entwicklungsländer) zu kombinieren. Man ist am meisten in Gefahr, überfahren zu werden, wenn man eben einem Wagen ausgewichen ist. So steht es bei Nietzsche, aber so könnte es auch bei Robert Young Pelton stehen. Er beweist sich als ein Experte für Menschliches, Allzumenschliches, der mit philosophischem Scharfsinn und der Hilfe todesmutiger Reporter sowie ausgemusterter Fremdenlegionäre zu der salomonischen These gelangt ist: Die gefährlichsten Plätze für Touristen sind Plätze, wo Touristen sind.