Anderthalb Jahre auf Sri Lanka. Nicht auf Bali. Eine andere Perle in einem anderen Ozean. Weiße Strände und so weiter. Billig. Freunde hatten von lachenden Menschen erzählt. Wir aber - wir machen nur ganze Sachen. Wir rollten den Berber auf, wickelten die Kognakgläser ein und wanderten nach Sri Lanka aus. Richtig in einem Land leben: da sieht man die Touristentraumtortur aus einer anderen Perspektive. Aus der der Menschen vor Ort. Und die lachen schon lange nicht mehr.

Daran sind die Touristen nicht schuld, die Aussteiger nicht und nicht die Einheimischen. Müßig, den Schuldigen zu suchen: Sind es die einstigen Konquistadoren, die Sklavenhändler, die Kolonialherren? Die heutigen Entwickler der unterentwickelten Länder? (Welch eine Überheblichkeit allein in der Terminologie!) Oder etwa die globalen Kredit-Geschäftemacher mit der Dritten (sprich: drittklassigen) Welt?

Was wäre, wenn die Tamilen in New York eine Bombe zündeten?

Listen wir die Herren auf, so finden wir bei allen die gleiche Gesinnung. Wie übrigens auch bei uns selbst, die wir keine Herren sind, sondern gut meinende Menschen, nunmehr unschuldige Opfer des Weltterrorismus. We are the champions heißt diese Gesinnung. Die Erste Welt züchtet sie. Höchstleistung. Die Goldmedaille. Das oberste Treppchen. Weltrekord und das Durchbrechen des Weltrekords. Der Beste, die Schönste sein: Zu solchem Strebertum werden wir erzogen. Der Erfolg bringt bare Münze. Und: Ansehen.

Zu Hause bleiben die meisten von uns im Mittelmaß stecken. Aber wenn wir unser Urlaubsgeld in ein unterentwickeltes Billigparadies bringen, können wir uns was auf uns, auf unsere Kultur, auf unsere Wirtschaft einbilden. Nach unseren eigenen Maßstäben natürlich, nicht nach den Werten der Völker, in deren Mitte wir ahnungs- und zumeist interesselos weilen. Dieses Bewusstsein heraushängen lassen? Nein, das tun nur die anderen, die Banausen, die wir meiden. Aber dieses Bewusstsein haben - und das ist unvermeidbar - auch wir.

Denn es wird uns selbst von den Einheimischen oktroyiert. Trauben bettelnder Kindern um uns herum auf den Straßen von Colombo. Einen Kugelschreiber wollen sie haben. Eine Münze. Kaugummi. Aber auch unser Hausdiener (first boy) schätzte die britische Kolonialherrschaft von einst weit höher ein als das unabhängige sozialistische Staatsgebilde der Gegenwart. Ja, richtig gelesen: Hausdiener. Die ceylonesische Kultur, ob hinduistisch oder buddhistisch geprägt, verlangt von Menschen, die haben, an Menschen, die brauchen, zu geben. Sie brauchen Arbeit. Wir haben Geld. Das jedenfalls müssen sie annehmen, denn wir können es uns leisten, dort zu sein. Sie können es sich nicht leisten, hier zu sein.

So simpel ist das? So simpel ist das nicht. Ceylon hat eine uralte und hoch komplizierte Kastenkultur. Mit keiner anderen zu vergleichen, selbst mit der indischen nicht. Innerhalb des künstlich geschaffenen Staatsgebildes auf der Insel Sri Lanka gibt es Gruppen, die seit Jahrzehnten und unter Zehntausenden von Opfern um ihre Rechte kämpfen. Sie werden in der industrialisierten Welt kaum wahrgenommen. Die Mappe, in der ich seit achtzehn Jahren jeden Zeitungsartikel über Sri Lanka sammele, ist ganz dünn. Was wäre, wenn die Tamilen, die für einen freien und unabhängigen Teilstaat im Norden Sri Lankas kämpfen, in New York eine Bombe hochgehen ließen? Sagen wir mal: zur höchsten Besucherzeit der Ausstellung ceylonesischer Buddha-Statuen im Museum of Modern Art?