Zu den Höhepunkten der Berliner Festwochen können die beiden Abende gerechnet werden, die als "Lange Nächte der arabischen Poesie" eher harmlos folkloristisch annonciert wurden. Doch gilt seit dem 11. September kein interesseloses Wohlgefallen mehr der Kultur des Nahen Ostens

vielmehr haben die arabischen Künstler selbst einen eigentümlich erschütterten, befremdeten und fremden Blick für ihre Welt entwickelt. Kaum mehr als ein Augenzwinkern war es, als die Musiker des Maqam-Ensembles ihre Herkunft mit Bagdad, Mesopotamien angaben, den irakischen Staat ironisch verleugnend. Aber schon tragisch war die Selbstironie, mit der Mahmoud Darwisch die Lage Palästinas besang: "Hier ist ein General, der unter den Trümmern eines künftigen Troja nach einem schlafenden Staat gräbt."

Der Dichter, früher selbst in der Führung der PLO, ist so etwas wie die Stimme Palästinas, gewiss aber einer der bedeutendsten arabischen Dichter der Gegenwart, und dass er zusammen mit dem Syrer Adonis, dem anderen Großen der arabischen Lyrik, in Berlin auftrat, ist für sich schon eine Sensation. Beide übrigens leben im Exil, das Exil überhaupt ist die Existenzform der arabischen Dichter geworden. In diesen Tagen erschien auch das neue Heft der Zeitschrift Diwan, die unter anderem von Adonis, der irakischen Dichterin Amal Al-Jubouri und dem Festwochenchef Joachim Satorius herausgegeben wird.

Thema: "Das Exil und das Schreiben".

Die Texte beklagen den Verlust der Heimat und feiern die Freiheit zum individuellen Ausdruck, die sich erst im Ausland finden ließ. "In der arabischen Welt, besonders in meinem Heimatland, ist Heimat etwas, das unsere Persönlichkeit unbarmherzig zwingt, in der Gemeinschaft aufzugehen und zum Teil einer Herde zu werden. Die Stimme des einzelnen Autors kann nur im Rahmen der Stimme der gesamten Nation existieren, und diese ist das Produkt der Politiker und der Geistlichen." (Amal Al-Jubouri)

Und wenn keine Heimat, kein Staat mehr existiert wie im Falle der Palästinenser? Dann ruht erst recht die Last der kollektiven Identität auf dem Dichter. Kein europäischer Lyriker kann sich vorstellen, unter welchem Sehnsuchtsdruck eines politisch verzweifelten Publikums die Millionenauflagen von Darwischs Gedichtbänden zustande kommen. Es lässt sich auch nur ahnen, welche Anstrengung es ihn gekostet hat, die Zumutung des stellvertretenden Dichtens nach und nach zurückzuweisen

etwas davon hat er in Berlin bei einem begleitenden Symposion erzählt. Es stand unter dem Motto "Aktualität und Dichtung", was im Westen blass und vage klingt, für arabische Intellektuelle aber alle Fragen nach Verantwortung und Freiheit des Schreibens bündelt.