Der Autozulieferer Modine aus Neuenkirchen drohte an einem komplizierten Rechtsstreit zu zerbrechen: Es ging um Lohn. Nicht um die Höhe, sondern darum, ob die Bezahlung einzelner Mitarbeiter an die Leistung eines Teams gekoppelt werden sollte. Betriebsrat und Geschäftsführung waren zerstritten, die Belegschaft verweigerte die Arbeit, die Maschinen standen still. Im Prinzip war Modine ein Fall für den Arbeitsrichter - doch Geschäfstführer Werner Koch beauftragte den Wirtschaftsmediator Eckhard Eyer aus Köln, den Streit zu lösen. Eyer redete mit allen Beteiligten. Über Ursachen, über Interessen, über alte Feindschaften und die lange Dauer von Gerichtsverfahren. Aber vor allem darüber, dass Modine weitere Monate im Streit nicht überleben würde. Nur Wochen später vereinbarten die Beteiligten eine Mischung aus Akkordlohn, Zuschlag für erfolgreiche Arbeitsteams und Sonderbonus. Seither stimmt das Betriebsklima, liegt die Produktivitätssteigerung weit über Branchenschnitt. "Ohne Mediation gäbe es die Modine mit ihren 110 Arbeitsplätzen nicht mehr", sagt Geschäftsführer Koch heute, fünf Jahre nach dem Beinahe-Zusammenbruch.

Schlichtung nach Stundenlohn

Schätzungsweise 600 Mediationsverfahren gibt es jedes Jahr in deutschen Unternehmen. In drei von vier Fälle ersparen sie sich dadurch ein Gerichtsverfahren, registriert die Centrale für Mediation, zu der alle wichtigen deutschen Mediationsverbände gehören. So weit die Erfolgsgeschichte. Das Problem: Deutschlands Manager nutzen das Instrument kaum. Sie ziehen lieber vor Gericht - und geben dafür viel mehr Geld aus als nötig.

Vor allem größere Prozesse sind teuer. Rund 5000-mal im Jahr schalten deutsche Unternehmenschefs die Richter ein, um mit Geschäftspartnern oder Konkurrenten über 500 000 Euro und mehr zu streiten. Die Prozesskosten dafür liegen insgesamt weit über einer Milliarde Euro. Würden Unternehmen nur die Hälfte dieser Konflikte per Mediation lösen, könnten sie einen Betrag im hohen dreistelligen Millionenbereich sparen, schätzt Eva Hild von der Centrale für Mediation.

"Finanziell lohnt sich Wirtschaftsmediation praktisch immer", sagt der Rechtswissenschaftler Horst Eidenmüller, Experte für außergerichtliche Streitschlichtung und Professor an der Universität Münster. Denn Mediatoren rechnen ihre Arbeit nach Stundensatz ab, die Prozesskosten vor Gericht orientieren sich an der Höhe des Streitwertes. Je höher der ist, desto größer ist in der Regel der Vorteil des Mediationsverfahrens. Ein Beispiel: Als das Frankfurter Immobilienunternehmen Agiv vor knapp zwei Jahren von der Hollandsche Beton Group auf 100 Millionen Euro verklagt wurde, weil die Holländer sich bei einem Geschäft falsch informiert und von der Agiv über den Tisch gezogen fühlten, hätten die Prozesskosten insgesamt rund zehn Millionen Euro verschlungen. Acht Jahre, hatte Agiv-Vorstandschef Wolf Klinz kalkuliert, hätte der Weg durch alle Instanzen gedauert. Statt den Prozess bis zum Ende auszutragen, bestellten die beiden Vorstandschefs einen Mediator und bekamen für 20 000 Euro eine Lösung, die beiden passte.

Seit Jahren leistet Kurt Nottbohm Überzeugungsarbeit. Nottbohm war 1995 der erste deutsche Chef-Justiziar, der bei Konflikten gezielt Mediation einsetzte. Sein Unternehmen, der Essener Energieversorger STEAG, sparte dadurch Millionen. Doch Schule machte das Beispiel in den meisten deutschen Unternehmensetagen trotzdem nicht. Was deutschen Unternehmensvertretern den Zugang zur Mediation so schwierig macht: Mediation und Gerichtsverfahren entspringen vollkommen unterschiedlichen Philosophien. Kontrahenten, die sich dazu entschließen, einen Mediator einzuschalten, können nicht auf ein Urteil "von oben" warten, sondern müssen bereit sein, ihre Probleme selbst zu lösen.

Nottbohm: "Die emotionale Barriere in den Köpfen ist oft unvorstellbar groß.