Mit dem vornehmsten Preis für wissenschaftliche Prosa, dem Sigmund-Freud-Preis, wird ein philosophisches und religionswissenschaftliches Werk ausgezeichnet, dessen Wirkungs nicht zuletzt der Macht der Sprache entspringt. Doch zugleich wird in der Person Klaus Heinrich auch eine produktive Seelenverwandtschaft geehrt: Denn sein Denken setzt die Zivilisationsarbeit von Freud fort. Seine Sprachmacht, seine Kraft des Zur-Sprache-Bringens folgt jenen Imperativ der Vernunft, die nicht ablässt, Verdrängtes bewusst zu machen. Unvergesslich die helle, körperhafte Stimme des kleinen, alterslosen Mannes, eines wirklichen philosophischen Lehrers unvergesslich der mäandernd-peripatetische Diskurs, der die Begriffe für das Begreifen öffnet, der den Triebgrund in jeder Abstraktion sichtbar zu machen versteht, der den Mythos reden lässt. Ein hellenisches Licht leuchtet über einem Denken, das im Aller-Düstersten ansetzt, bei den Traumata, den Todesdrohungen, dem Sog, dem Verschlungenwerden, also eben dort, wo Denken allein retten kann. Dass der 75-jährige Heinrich wie kein anderer die Erfahrung der deutschen Katastrophe, den "Skandal der Endkriegszeit und die im Nachhinein drüber aufbrechende Scham" gegenwärtig hält, gehört dazu. Aus dieser Erfahrung speist sich seine philosophische Entscheidung: die lebenslange Kritik am Ursprungsdenken, von Heidegger bis hin in alle Filiationen des Fundamentalismus die Kritik an einem Denken, das vor der zerreißenden Wirklichkeit und der Zweideutigkeit ihrer Verkörperungen flieht, indem es sich zwangshaft reinigt und glaubt, darin die Rettung zu erlangen.

Heinrich setzt dagegen das Bündnisdenken, den Widerstand gegen Entmischungen, die "Induktionsmacht", den Eros der philosophischen Erkenntnis, der bindet statt trennt.

Den Mythos zur Sprache bringen Ein Titel in der Schriftenreihe Dahlemer Vorlesungen muss als Programm verstanden werden: Tertium datur. Denn Heinrichs Philosophie protestiert gegen das tertium non datur, im Namen des ausgeschlossenen Dritten gegen die herrschende Logik des Ausschlusses. Sie lehrt die Kunst "Formen als Inhalte lesen". Dieser Ansatz ist es, der ihn für viele zum Vordenker der Protestgeneration von 68 machte. Seine Habilitationsschrift Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen (1964) beginnt mit dem Neinsagen als "Formel des Protestes", die untersucht werden muss, weil "die Welt zu Protesten Anlass bietet". Aber er entwarf da keine vorweggenommene Apologie der Protestgeneration, sondern analysierte von Anfang an auch die Selbstzerstörung im Protest, die immer drohte. Heinrich verharrte nicht in der rein akademischen Reflexion des Protestes, sondern er mischte sich ein, immer bereit, privat zu helfen und öffentlich (oftmals mit Risiko) Stellung zu nehmen. Allein, um die Lufthoheit in den Tagesparolen der linken Öffentlichkeit hat er sich nie beworben.

Wer aus Heinrichs Schriften politische Erkenntnisse gewinnt, liegt richtig - wie der, der religionswissenschaftliche, kunsthistorische, gesellschaftskritische, psychoanalytische Einsichten ableitet. Heinrich besteht auf der Vermischung der Sphären von Geist, Leib, Natur, Geschichte, Theorie und Praxis, weil sie sich in der Realität auch "nicht endgültig scheiden". Für ihn entspringt die Ohnmacht der Universität ihrer Flucht in "die Rituale der Entmischung", der Abschottung in Disziplinen, der Unterschlagung der Triebseite aller Verkörperungen, wenn sie wissenschaftlich zugerichtet werden. Sein Werk ist mithin eine permanente Universitätskritik, der er die "komplette Enterotisierung" vorwirft. Er glaubt an die Alma Mater, die bergende und deswegen befreiende Institution. Heinrich war einer der 17 Gründungsstudenten der Freien Universität in Berlin. Wenn es einen Mythos der FU gibt, dann redet er in seinen Dahlemer Vorlesungen. Sie können als ein Kommentar gegen die tödliche Klammer einer zentralistischen Hochschulreform gelesen werden. Ohnehin verweigert sich sein Denken jedem teleologischen Fortschrittsbegriff, der alle überwundenen Stadien vernichtet. Ihn prägt der Zauber einer geheimen Örtlichkeit des Denkens, eine Bindung an die Topologie insbesondere der großen europäischen Städte, an Venedig, Berlin und - selbstverständlich - Rom. Auch hier ist die Nähe zum großen Romkenner Freud, der aus der Ewigen Stadt mit ihrer sichtbaren Macht des scheinbar Vergangenen die Arbeitsweise des psychischen Apparates wiedererkannte. Heinrich ist mit allen Fasern Berlin verbunden, war er doch bei Kriegsende der "Eingeborene" in den "Vorzeitresten der zertrümmerten Metropolis", der "in Zorn und Fieber" darauf gewartet hatte, endlich "denken und sprechen, analysieren und planen, anklagen und es besser machen" zu können.

Was er über Sokrates sagt, gilt für ihn ganz gewiss: " Er trug keine Lehre in sich, er verkörperte sie." Heinrich ist kein Guru. Er verführt zur Denkfreude, aber denken muss jeder selbst. Gleichwohl ist sein Werk auch ein Vademekum der Selbstbehauptung, dem eine narzisstische Tröstung innewohnt: Die Geschichte der Menschen, recht gelesen, ist eine Geschichte der Bundesgenossen und ihrer Kämpfe um Selbstbewahrung. Die stetige, still wachsende Wirkung seiner Philosophie entspringt nicht nur der Aura einer bekannt-unbekannten Präsenz. Sie kommt auch aus der verlässlichen Aktualität eines Denkens, das Geistesgegenwart zum Prinzip gemacht hat. Wer Heinrich liest, gerät zudem in den Sog einer grenzenlosen Gelehrsamkeit, die in der heutigen Unversität kaum noch erfahren werden kann.

Klaus Heinrichs Schriften, darunter die "Dahlemer Vorlesungen", erscheinen im Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt/M