N E I D I S C H S E I N Ich will auch

Haben wollen, was man nicht hat. Sein wollen, was man nicht ist. Neid bestimmt unser Leben. Ein persönlicher Bericht über ein Gefühl, das antreibt und zerstört

 

Foto: Sonja Müller für ZEIT Leben

Indes, es gab durchaus eine Zeit innerer Ruhe und Identität. Anfangs schien mir alles erreichbar, und von Neid konnte keine Rede sein. Mit zweieinhalb bekam ich Ärger in sämtlichen Sandkästen des 8. Arrondissements. (Falls Sie jetzt neidisch werden: Ich war mir damals nicht bewusst, dass es sich um Pariser Sandkästen handelte. Ich hätte auch den Vergleich zu den Sandkästen in Deutschland nicht herstellen können, da ich mich an mein Leben in Deutschland nicht erinnerte.) Auslöser des Sandkastenkrieges war folgender sich wiederholender Vorgang: Ich stürmte auf die Franzosen zu und riss ihnen Eimer und Schaufel aus der Hand. Worum ging es? Habgier? Gewiss. Aber Neid? Nein.

Ich begehrte ein Ding, ohne mich in den Menschen hineinzuversetzen, der (noch) sein Glück darin fand. Und ich glaubte an die Einheit von Wunsch und Erfüllung. Dazwischen zu unterscheiden lernte ich erst später, so wie zwischen Heute und Morgen, mir selbst und den anderen. Erst dann wurde es schmerzhaft: Die Fantasie ließ mich ein anderer sein, die Gegenwart, in der ich erwachte, nicht. Aus Begierden wurden Sehnsüchte. Aus den Sehnsüchten, blieben sie unerfüllt, Hass auf mich und andere. Was ich dagegen im Sandkasten tat, war ein ressentimentfreies, kindlich-caesarisches Kommen, Sehen (wenn nötig: Hauen) und Greifen. Für kompliziertere Gefühle waren noch unsere Mütter zuständig.

Doch mit der Zeit holten wir Kinder auf. Und sobald die Fantasie uns ein anderer sein ließ, waren wir fast nie mehr wir selbst. Außer wenn Eltern oder Lehrer uns zwangen (meist indem sie unseren Namen riefen: Sven, kommst du mal! Steigerung: Sven Hil-len-kamp, wenn du glaubst ...). Dann konnten wir es nicht erwarten, hinauszulaufen und wieder jemand anderes zu sein. Wir wechselten die Rollen, oft stündlich. Ich wechselte von Moses zu Mick Jagger und von Bud Spencer zu Didi Hallervorden. Für Winnetou, lange Zeit mein Favorit, besaß ich den gar originalen beige-grünen Indianeranzug und die Silberbüchse. Für Mick, der ich oft vor dem Spiegel meines Kleiderschranks war, hatte ich immerhin die passende Frisur. Didi war ich in gespielten Witzen, und für Bud langte dieses gewisse Räuspern, das allen Respekt einflößte. Nur bei Moses konnte ich der Fantasie nicht durch Imitation auf die Sprünge helfen. Vielleicht war mir deshalb klar, mehr noch als beim Rockstarsein oder meiner Komikerexistenz, dass das Völkerretten zu warten hatte, bis ich das Erwachsenenalter erreichte.

Als Kind wollte ich Winnetou sein und war nur selten ich selbst

So war die Kindheit ein langer Traum, unterbrochen nur von kurzen Wachphasen. Ich wuchs selbstvergessen in meine Idole hinein. Vom schmerzhaften Personenneid blieb ich weitgehend verschont; mit Moses oder Mick Jagger konnten meine Freunde und Mitschüler nicht konkurrieren.

Umso schlimmer tobte in dieser Zeit der Objektneid. Allerdings gehörte ich zu den Begünstigten. Als Einzelkind war mir der Futterneid völlig unbekannt, und kein Kleidungsstück, das ich erhielt, kam von älteren Geschwistern. Mein Vater verdiente recht gut. Wenn ich am Heiligabend mit Claas, meinem besten Freund, telefonierte und wir die Geschenke durchgaben, hatte ich nicht zu leiden. Beim Vaterneid stand ich ohnehin gut da. Mein Vater traute sich im Freibad zwar keinen Köpper, nicht einmal vom Einer, aber er erlaubte fast alles, las vor und spielte jedes Spiel mit. Das erste Verliebtsein endlich ließ mich auch noch nicht neiden. Die blonde Kathi, in die sich in der ersten Klasse alle verknallten, einte uns eher, denn Kathi kriegte keiner.

Der Objektneid begegnete uns vornehmlich in Gestalt der »Asis«. Die Asis waren unmodisch angezogen, sahen aus irgendeinem Grund immer übernächtigt aus und hatten heisere Stimmen. Und sie waren in Gruppen unterwegs. In der Regel handelte es sich um mehrere Brüder. Wenn sie einen anhielten, durfte einen der kleinste Bruder fertig machen, während die anderen zusahen. Einmal, ich wohnte damals in Bonn, fuhren wir mit unseren BMX-Rädern am Rhein entlang, als sich eine Gruppe Asis auf dem Fahrradweg aufbaute. Der Kleinste schraubte meine Klingel ab und warf sie ins Wasser, die anderen sahen zu. Dann durften wir weiterfahren.

In solchen Situationen empfand ich nur Angst. Ich wusste, dass die Asis auf Hass zurückgreifen konnten, eine Kraft, die sich in mir nicht fand. Ich bezog die Asis aber auch nicht in meine Völkerrettungspläne ein. Auch nicht, als ich in den Sommerlagern der Sozialistischen Jugend Deutschlands lernte, für die klassenlose Gesellschaft einzutreten. Die Asis waren asi, wie alte Menschen alt waren - sie waren immer so gewesen und würden nie anders sein. Wahrscheinlich teilten sie diese verdinglichte Wahrnehmung der Menschheit und konnten sich ebenso wenig an meiner statt vorstellen wie ich an ihrer. Sie fühlten eindeutig Neid, aber wohl jenen verfestigten, ins Ressentiment gekippten, der nicht empathisch ist und kein Streben kennt.

Die aufgehende Jugend bescherte uns eine ganz neue Palette Objektneid und machte auch mich zum Betroffenen. Wir Jungen hatten vor allem mit Körpergrößen-, Bartwuchs-, Penislängen-, Stimmbruch- und Kehlkopfneid zu kämpfen. Nur von einem blieb ich verschont. Meine Wangen blieben unbewachsen wie die sanften Dünen der Sahara, und als wir in unserer Klasse ein Hörspiel aufnahmen, musste ich eine Frau spielen. Eine Zeit lang fanden mich die Mädchen noch süß, dann wollten sie richtige Männer. Mein Neid war ohne Hoffnung. Es schien mein innerstes Wesen auszumachen, klein zu sein. Sveni. Mit einem Mal verstand ich, was im Leben wirklich zählte. Was nutzten gespielte Witze, wenn man als Einziger nicht in die Disco reinkam. Und wenn man reinkam, stand plötzlich Andreas Kuschelny vor einem. »Komm mal mit nach oben.« Oben, auf der Straße, sah ich nur noch einen Blitz, dann lag ich auf dem Pflaster. Andreas Kuschelny entschuldigte sich am nächsten Tag, er habe mich verwechselt. Fünf Jahre dauerte diese unwürdige Existenz, dann wuchs ich.

Die Erfahrung aber saß tief. Plötzlich war ich nicht mehr gefragt gewesen. Ohne eigenes Zutun und ohne dass ich etwas ändern konnte.

Wiederum ohne mein Zutun wendete sich nun alles zum Guten. Von einem unbeachteten Hänfling mit Hasenzähnen wuchs ich zu einem vollwertigen Mann heran. (Nur der Bartneid, insbesondere die Unterform des Kotelettenneids, plagte mich noch dann und wann, aber zum Glück gab es Frauen, die meine Bartlosigkeit schätzten.) Meine kindlichen Tagträume verwandelten sich in Berufswünsche. Programmierer, Physiker, Revolutionär, Parteipolitiker, Islamwissenschaftler, Professor der Philosophie oder der Soziologie. Ich war ungeduldig und beneidete alle, die schon einen Titel hatten, der aus einem kleinen, windigen Ich eine gesellschaftliche Existenz machte, aber der Neid wurde gemildert durch große Zuversicht.

Neid auf Diplomarbeiten, USA-Aufenthalte und Start-ups

Statt in die Disco wollten meine Freunde und ich nun in die Geschichte eingehen. Bücher waren in Arbeit, revolutionäre Plattformen in Gründung, wir prahlten mit Projekten wie Greise mit ihrer glorreichen Vergangenheit. Beim Zukunftsneid gehörte wieder ich zu den Begünstigten. Aus dir wird mal was Großes, sagten Omas und andere Liebesgeblendete. Jetzt waren es Professoren und Exfreundinnen, die uns, laut unseren Namen nennend, mit zuweilen unerfreulichen Wertungen zwingen wollten, wir selbst zu sein. Doch nicht nur unser Schaffen, auch unser Charakter schien eine Frage der Zukunft zu sein. Wir hatten keine Eigenschaften, höchstens Probleme.

Irgendwann begannen sich die Bedingungen meines Lebens erneut zu ändern. Zuerst war da nur eine Unruhe, dann schlug die Unruhe um in Panik. Die Zukunft war aufgebraucht, die Gegenwart brach an. Mit einem Mal zählte nicht mehr, was man plante, sondern was man tat. Diplomarbeit schreiben, mit einem Stipendium in die USA gehen, ein Start-up starten.

Und wieder wuchsen alle anderen schneller als ich. Ich, der ich nicht vorankam; ich, dem eigentlich alles im Leben Angst machte; ich, ich, ich. Dieses Ich wurde auf sich zurückgeworfen und keine Eltern, Lehrer oder Exfreundinnen waren schuld, nur ich und die Zeit, die in mein Leben trat. Ich stand allein auf dem Bahnsteig und sah den Zug Richtung Zukunft ohne mich abfahren. Und wie ich die beneidete, die drin saßen! Die ihre Diplomarbeit geschrieben hatten. Die aus den USA zurückkamen. Und die, die man - »Start-up statt Sit-in« - jede Woche im Spiegel sah, in renovierten Ost-Berliner Fabriketagen, neben offenem Laptop auf abgezogenen Dielen hockend oder in Münchner Biergärten sitzend, Bildunterschrift: »Hier treffen sie sich mit Geldgebern.« Und wie ich sie hasste!

Ich zog nach Berlin. Bald entdeckte ich, dass sich die Neu-Berliner in zwei Gruppen teilten. Die Erfolgreichen, die noch erfolgreicher sein wollten, und die Geflohenen, die mit ihrem Umzug in die große Stadt einen letzten Rest Hoffnung verbanden. Ich gehörte zu den Geflohenen. Und lernte lauter Erfolgreiche kennen. Regisseure, die ihren ersten Film im Kino hatten, Schriftsteller, die ihren zweiten Roman schrieben, Schauspieler, die, kaum in Berlin, schon wieder einen Ruf bekamen, nach Hamburg, nach Wien. Auf Nachfrage wiederholte ich gebetsmühlenartig meine Studienfächer. Aber ich glaubte weder daran, dass ich je einen Abschluss machen würde, noch, dass mir dieser Abschluss, so ich ihn denn hätte, etwas nutzen würde. Und was war schon ein Diplom gegen einen Roman?

Beim Empfang von Daimler-Benz war ich der Kellner

Ich arbeitete bei Al Cliente, einer Kellneragentur. Wir wurden an Hotels und für aufwändige Festivitäten vermietet. So war ich bei der Eröffnung des Daimler-Benz-Turmes am Potsdamer Platz dabei. Ich stand am Eingang und hielt ein Tablett mit Schnittchen. Die Frauen ignorierten mich. Sie streckten eine zarte Hand in meine Richtung, ohne den Kopf zu drehen, und nahmen sich ein Schnittchen. Es wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn ich gewusst hätte, was aus mir werden soll. Aber ich wusste es nicht. Ich hatte noch Träume, aber kaum mehr Hoffnung.

Umso größer war mein Neid. Eines Tages wurde ich in Potsdam von einer Straßenbahn überfahren. Das heißt, nach dem Aufprall flog ich genauso weit, wie die Straßenbahn zum Bremsen brauchte. Die Räder kamen wenige Zentimeter vor meinem Körper zum Stehen. Ich war auf dem Weg zu der Baustelle gewesen, auf der ich in jenem Sommer jobbte. Wie immer war ich in Gedanken gewesen. Die Ampel hatte auf Rot gestanden. Wenige Tage später ließen mich die Ärzte erstmals das Zimmer verlassen. Ich ging zur Unfallstelle.

Ich stand auf einer Verkehrsinsel, wenige Meter von der Stelle, an der es geschehen war, zugeschwollen, verschorft, in zerrissener Arbeitskleidung. Auf der Straße war nichts mehr zu erkennen. Auf sechs Spuren fuhren die Autos vorbei. Die Fahrer guckten. Ich sah aus wie ein in frischen Verbänden Entlaufener. Wie einer von den Typen, die immer verschorft und verbunden sind, weil sie jeden Tag anecken, stürzen, sich schlagen, geschlagen werden, die irgendwann am Tag aufwachen, schwimmend in Restalkohol, und nur wegen der Schmerzen wissen, dass wieder etwas passiert ist.

Natürlich traf das alles auf mich nicht zu. Ich trank nicht, und der Unfall war zwar meine Schuld gewesen, aber sowas passierte mir ja nicht dauernd. Dennoch fühlte ich mich elend, alles schien mir plötzlich symbolisch zu sein. Ich humpelte zurück. Am Ende einer Straße sah ich einen Dom. Ich ging darauf zu. Kuppel und Säulenportal leuchteten hell, beide Flügel der Tür waren geöffnet.

Das Mittelschiff war voll. Junge Männer in Anzügen und junge Frauen in Kostümen standen auf einem Podest in der Mitte, um das im Kreis Stuhlreihen gruppiert waren. Ein Trio musizierte, Klavier, Cello und Geige. In den Reihen saßen offensichtlich Eltern, Geschwister und weitere junge Leute, die darauf warteten, auf das Podest zu steigen. Dort überreichte ein älterer, feierlich schauender Herr Urkunden. Applaus! Die Menschen fielen sich in die Arme und lachten.

Jetzt fahre ich Mercedes und bin immer noch nicht zufrieden

Von mir war im Gegenlicht vermutlich nur die Silhouette zu sehen. Einen Moment lang sah ich mich mit einem Maschinengewehr in die Menge schießen. Ich hörte das Schreien und Röcheln. Dann drehte ich mich um und ging zurück zum Krankenhaus.

Jetzt war ich der Asi.

Einige Jahre später hatte sich wieder alles in meinem Leben geändert. Ich war Journalist geworden. Obwohl diesmal mein eigenes Zutun eine entscheidende Rolle gespielt hatte, empfand ich die Welt, die sich mir erschloss, nicht als selbstverständlich. Ich besuchte Prominente im Urlaub, saß nachts mit dem Präsidenten der Republik Westsahara vor dessen Zelt und aß Kamelcouscous und flog mit einem berühmten Soziologen, dessen Bücher ich im Studium gelesen hatte, nach Moskau. Ich kaufte mir einen alten, silbernen Mercedes. Ich strich im Immobilienteil Dachgeschosswohnungen an. Und ich war noch immer so neidisch wie vorher. Ich sah noch immer ab von mir und meinem Selbst, nach oben, nach vorn.

Ich hatte den Neidberuf schlechthin gewählt. Nirgendwo kann man seinem Namen so leicht zu öffentlicher Dauerpräsenz verhelfen wie im Journalismus. Und nirgendwo kommt man mit so vielen Erfolgreichen zusammen, Künstlern, Spitzenpolitikern, Leuten, die ihre Träume wahr gemacht haben und deren Ruhm einen unendlich überragt (und in deren mutmaßlich ungeheuer aufregendem Leben man nicht mehr ist als eine lästige Laus mit Notizblock). Ein Kollege von mir, ein überaus erfolgreicher Journalist, macht seit einem Jahr Psychotherapie. Der Neid auf die Leute, die er besucht und porträtiert, quält ihn fürchterlich. Er denkt immer, sein Leben sei das falsche, er müsste eigentlich der andere sein. Und zu Hause sitzt seine Ehefrau und neidet ihm eben jene Reisen und Begegnungen, die ihn so quälen.

Und dann die dauernde Kränkung des Erfolg-reichen! Je größer der Erfolg, desto umfassender der Vergleich, dem man sich aussetzt, also der Neid. Wer muss mehr Kränkungen ertragen als ein Literatur-nobelpreisträger?

Aber solche Erkenntnisse, von denen wir einige über das Wesen von Ruhm oder Reichtum parat haben, helfen natürlich nicht. Wir bleiben die tagträumenden Kinder, die wir waren. Wir fragen uns, ob wir noch einmal über uns hinauswachsen können. Noch einmal jemand anderes werden. Wir beneiden die Jungen um ihre Jugend, die Zeit, die sie noch haben. Wir überlegen, uns zu bescheiden. Dann laufen wir weiter.

 
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