Andreas Gottschalk, der so Geehrte und Geliebte, ist zeitlebens ein Grenzgänger gewesen - zwischen den Klassen, zwischen den Konfessionen. Als fünftes Kind der Sibilla Levinboch aus Sittard und ihres Mannes, des Talmud-gelehrten Schächters Joseph Gottschalk, wird er 1815 in Düsseldorf geboren. Nach dem Umzug der Familie kommt er in Köln aufs Gymnasium. In Bonn studiert er Medizin, daneben Altphilologie, Logik, Psychologie und englische Literatur. Sein Studium muss er sich - zum Beispiel durch Übersetzungen - selbst verdienen. Mit einer Arbeit über den Blutandrang zum Gehirn erreicht er 1840, auch als Jude unangefochten, seine Promotion. Er verfasst medizinische Aufsätze, so über Die Behandlung von Blasenlähmung und nervösem Hüftweh, und wird korrespondierendes Mitglied einer medizinischen Gesellschaft in Brüssel.

Seine Karriere lässt sich gut an. 1842 eröffnet er in Köln eine Praxis, arbeitet auch als Chirurg. Wie sein Bruder, der Jurist Salomon Gottschalk, berichtet, konzentriert er sich dabei von vornherein auf die Behandlung armer Patienten, die er meist kostenlos behandelt.

Vor dem Rathaus ziehen Soldaten auf

Wenig später konvertieren beide Brüder zum Protestantismus, gerade im heiligen Köln gewiss kein selbstverständlicher Schritt, dürfen sich doch die dortigen Protestanten erst seit wenigen Jahrzehnten, erst seit der Zeit, da das Rheinland zum republikanischen (und später kaiserlich-napoleonischen) Frankreich gehört hat, ihrer Religionsfreiheit erfreuen. "Der Übertritt erfolgte", hält der Kölner Pfarrer, der den jungen Arzt taufte, höchst amtlich fest, "nachdem sich Andreas Gottschalk durch fleißiges Studium der Propheten sowie der neutestamentlichen Schriften von der Gültigkeit des Christentums auf eine wahrhaft gründliche Weise überzeugt hatte." Den frommen Vater wird die Konversion seiner beiden Söhne geschmerzt haben; die Mutter ist bereits zwei Jahre zuvor gestorben.

Die Konversion hat für Gottschalk tiefere Bedeutung. Schon Heinrich Heine interpretierte das Christentum als kosmopolitische Entgrenzung des Judentums. "Jesus Christus", schreibt Heine 1828 in seinen Englischen Fragmenten, "berief alle Völker der Erde zur Teilnahme an dem Reiche Gottes, das früher nur einem einzigen auserlesenen Gottesvolke gehörte, er gab der ganzen Menschheit das jüdische Bürgerrecht." Diese Entwicklung sieht Heine in der Französischen Revolution fortgesetzt - sofern sie von Menschenliebe geprägt ist: "Die tiefste Wahrheit erblüht nur in der tiefsten Liebe und daher die Übereinstimmung in den Ansichten des älteren Bergpredigers, der gegen die Aristokratie von Jerusalem gesprochen, und jener späteren Bergprediger, die von der Höhe des Konvents zu Paris ein dreifarbiges Evangelium herabpredigten, wonach nicht bloß die Form des Staates, sondern das ganze gesellschaftliche Leben nicht geflickt, sondern neu umgestaltet, neu begründet, ja neu geboren werden sollte." In ähnlicher Weise preist nun auch Gottschalk die "Lehre Jesu Christi", weil sie "das Erstgeburtsrecht der Juden aufgehoben und die Brüderlichkeit aller Menschen verkündet" habe.

Politisiert wird Gottschalk vor allem durch den drei Jahre älteren aus Bonn stammenden Schriftsteller und Journalisten Moses Hess, den "Kommunistenrabbi" und späteren Wegbereiter des Zionismus. Im Januar 1842 gehört dieser zu den Mitbegründern der Rheinischen Zeitung, deren Chefredakteur nach monatelangem Hin und Her der 24-jährige Karl Marx wird. (1843 schon verbietet die preußische Zensur das Blatt, und Marx geht nach Paris). Auf einem Ärztekongress 1846 in Bonn streitet Gottschalk zusammen mit sozial engagierten Kollegen für die Abschaffung des Promotionszwangs und eine effektivere Unterstützung der Armen. 1847 schließt er sich mit Freunden in einem sozialistischen Zirkel zusammen und schreibt an Hess, der zu dieser Zeit schon im Pariser Exil lebt: "Endlich ist's uns gelungen, ein Kränzchen hier einzurichten, das nach meinem Geschmack ist ...Zweimal in der Woche kommen wir zusammen, lesen und singen und disputieren und treiben den Detailhandel der Propaganda ..."

Der junge Arzt, der unverheiratet bleibt, verfolgt wachsam und engagiert den demokratischen Aufbruch Europas. Am 27. Februar 1848 muss in Paris König Louis Philippe abdanken. In Kölns Kaffeehäusern wird die Marseillaise gespielt und das Heil dir im Siegerkranz, die Hohenzollern-Hymne, ausgepfiffen. In der ganzen preußischen Rheinprovinz fordern die Bürger jetzt eine freie Verfassung, Volkssouveränität und die Verwirklichung der ersehnten deutschen Einheit.