Wo gibt es das noch in Europa: Wachstumsraten von sechs Prozent und mehr, boomende Börsen, zuversichtliche Unternehmer und gute Konjunkturaussichten? In den drei baltischen Ländern, Estland, Lettland und Litauen, den am wenigsten beachteten unter den Kandidaten für einen baldigen EU-Beitritt. Sie proben den Aufschwung Ostsee - auf bescheidener Grundlage, aber mit erstaunlichem Erfolg.

Unbeschadet von der Konjunkturflaute im Westen, wuchs etwa Litauens Wirtschaft im vergangenen Jahr um 5,9 Prozent. Das mit nur dreieinhalb Millionen Einwohnern größte der drei baltischen Länder befand sich damit in guter Nachbarschaft; denn Lettland schaffte sogar 7,6, Estland als "Schlusslicht" immer noch 5,4 Prozent. Damit übertrafen die baltischen Staaten auch sämtliche osteuropäischen Mitbewerber um den Eintritt in die EU. Die Wachstumsprognosen für das laufende Jahr liegen zwar leicht unter den Vorjahreswerten, aber das tut dem verbreiteten Optimismus keinen Abbruch.

Gute Stimmung auch an den Börsen. Anders als in New York oder Frankfurt klettern die Aktienkurse. An der Börse von Tallinn, der Hauptstadt Estlands, werden die Investoren mit stattlichen Kursgewinnen belohnt. So glänzt Hansapank, lokale Nummer eins im Finanzsektor, mit einem Kursgewinn von 70 Prozent seit Januar 2000. Ähnliche Zuwächse verzeichnet der Einzelhandelskonzern Kaubamaja mit einem Plus von 50 Prozent oder der Autozulieferer Norma mit 80 Prozent. Da sich kaum ein ausländischer Investmentfonds auf diesen Markt verirrt, ist auch die Gefahr gering, dass die Hausse eines Tages wie eine spekulative Blase platzt.

Die einstigen Sowjetrepubliken starteten auf einer äußerst bescheidenen Basis. In Estland zum Beispiel war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1994, im dritten Jahr der Unabhängigkeit, nur noch halb so hoch wie 1989. Erst 1995 kam die Wirtschaft in Fahrt, aber dann gleich mit zweistelligen Wachstumsraten. Heute gilt Estland als baltisches Boomland. Die wichtigsten Privatisierungen hat es (genau wie Lettland) schon hinter sich. Nur Litauen tut sich vergleichsweise schwer beim Abbau seines Staatssektors.

Offensichtlich kommt der Fortschritt auch beim Bürger an. Beispiel Estland: In den letzten fünf Jahren verbesserten sich die Durchschnittslöhne um 50 Prozent auf rund 400 Euro im Monat, und die Preise kletterten zuletzt nur noch um 5,8 Prozent - bei deutlich fallender Tendenz. Die wachsende Mittelschicht kann sich zwar noch keinen Rio-Trip leisten, aber doch einen zunehmend ausgiebigen Ostsee-Urlaub an den baltischen Sandstränden von Palanga, Liepaja oder Pärnu.

"Es ist immer leichter, von 50 Prozent auf 70 Prozent zu gelangen, als weiterzukommen, wenn man schon bei 100 ist", sagt Virginijus Adutavicius, Miteigentümer des litauischen Plastikflaschen-Herstellers Nemuno Banga (Memelwelle). Die Firma in Lentvaris unweit der Hauptstadt Vilnius ist beispielhaft für den Aufschwung im Baltikum. In der Wendezeit übernahm der Jurist Adutavicius gemeinsam mit zwei Partnern die Fabrik eines maroden volkseigenen Betriebs. Zunächst nutzten die drei die Hallen als Zwischenlager für den Handel "mit einfach allem und jedem und bis weit hinein nach Sibirien".

Mindestens 100 Prozent Profit