B I L D U NG Der deutsche Hohlweg
Die OECD belegt, wie sich Investitionen in Bildung rechnen. Nur hierzulande hat sich das noch nicht herumgesprochen
Bildung zahlt sich aus. Die Ausgaben für Kindergarten, Schule oder Studium dürfen sogar gut und gern als lukrative Geldanlage gesehen werden. Investitionen in Bildung bringen jedenfalls eine höhere Rendite als herkömmliche Anlageformen.
Den Beweis dafür liefert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem neuesten Bildungsbericht. Die OECD, eine Art Think Tank der Industrieländer, hat ganz unideologisch Kosten und Nutzen von Bildungsangeboten miteinander verrechnet und kommt zu dem Ergebnis: Wer studiert, darf langfristig auf eine hohe Verzinsung seiner Bildungsausgaben zählen. Als Investition werden in der ungewöhnlichen Rechnung die Kosten für die Ausbildung sowie das während des Studiums entgangene Einkommen berücksichtigt; als Gewinn dagegen wird das höhere Gehalt von Hochschulabsolventen im Vergleich zum Rest der Bevölkerung gewertet. Ergebnis: In Deutschland beträgt die "Bildungsrendite" 8 bis 9 Prozent; im Durchschnitt der OECD-Staaten sogar satte 12 Prozent. Von einer solchen Verzinsung seiner Investitionen kann derzeit so mancher Aktienbesitzer nur träumen.
Das ist eines der überraschenden Ergebnisse, die die OECD diese Woche präsentierte. Nachdem das in Paris ansässige Gremium, zu dem sich 30 Staaten von Australien bis Kanada zusammengeschlossen haben, schon mit der Pisa-Studie für Aufregung sorgte, liefert es nun mit dem Bericht Bildung auf einen Blick 2002 erneut wertvolle Vergleichsdaten. Das umfangreiche Zahlenwerk belegt dabei nicht nur eindrucksvoll, dass sich Bildung für den Einzelnen, sondern auch für eine Volkswirtschaft rechnet.
Der gesellschaftliche Nutzen von Schulbildung und Studium wird von der OECD sogar noch höher als der individuelle Ertrag angesetzt. Mehr als ein halbes Prozent des Wirtschaftswachstums einiger Staaten in den neunziger Jahren sei auf Verbesserungen im Humankapital zurückzuführen. Deutschland kommt in dieser Aufstellung zwar nicht vor. Doch wie schon in der Pisa-Studie schneidet Deutschland insgesamt auch diesmal sehr mäßig ab. Dabei sieht der verantwortliche Autor der OECD-Studie, Andreas Schleicher, Bildung als die "mit Abstand wichtigste Produktivkraft in Zeiten der Globalisierung" (ZEIT Nr. 37/02). Hierzulande scheint sich das wenig herumgesprochen zu haben. So stiegen in 14 von 18 untersuchten OECD-Staaten die Aufwendungen für Bildung zwischen 1995 und 1999 um mehr als 5 Prozent, in Deutschland um 2 Prozent. Und während die Vergleichsländer im Schnitt 12,7 Prozent der öffentlichen Haushalte für Bildung ausgeben, sind es in Deutschland nur 9,7 Prozent.
Wollte man das komplexe Zahlenwerk der OECD-Studie auf einen Nenner bringen, könnte dieser lauten: Deutschland fällt zurück. Der Grund liegt weniger in nachlassenden eigenen Anstrengungen als in den gesteigerten Bemühungen anderer Länder. Vergleicht man etwa die Zahlen der höheren Schulabschlüsse, so liegt Deutschland bei den 55- bis 64-Jährigen noch auf Platz vier von 29 verglichenen Ländern. In der mittleren Altersgruppe sinkt es auf Platz acht und rutscht bei den 25- bis 44-Jährigen auf den 12. Rang. Solche Werte verheißen nichts Gutes für die Zukunft.
Dieselbe Tendenz zeigt sich bei den Studienanfängerzahlen. Dabei liegen (wie schon in der Pisa-Studie) einmal mehr die Finnen an der Spitze. 71 Prozent der jungen Leute zwischen Helsinki und Lappland gehen zur Hochschule, in Schweden 67, in Polen 62, in den USA 43 Prozent - und in Deutschland magere 30 Prozent (siehe Grafik). Im Durchschnitt haben sich die Studentenzahlen in den OECD-Ländern zwischen 1995 und 2000 um 24 Prozent erhöht, in Polen, Ungarn, Korea, Griechenland und der Tschechischen Republik sogar um 50 Prozent. Nur in Frankreich, Deutschland und der Türkei sind die Studentenzahlen geschrumpft, in Deutschland um fünf Prozent. Die schwächeren Jahrgänge wirkten sich hierzulande stärker aus als der leichte Anstieg der Studierendenquote um zwei Prozent, den die Bundesregierung als Erfolg ihrer Politik verbucht.
Deutschland ein Sanierungsfall? So nannten unlängst die Unternehmensberater der Firma McKinsey dieses Land, als sie ihre Diagnose und Therapievorschläge für das deutsche Bildungssystem vorlegten. Vor allem die Förderung von Kindern in den frühen Jahren würde vernachlässigt - das müsse sich dringend ändern, verlangt McKinsey in seinem Bildungsmanifest. Die OECD-Daten bestätigen diese Interpretation. Vor allem für die Grundschule tut Deutschland zu wenig. Die Ausgaben für den "primären Sektor" liegen mit 3818 US-Dollar (kaufkraftbereinigt) deutlich unter dem OECD-Schnitt von 4114 Dollar - obwohl dieser Wert auch von wirtschaftlich schwachen Ländern wie Polen, Portugal oder Mexiko geprägt wird (siehe Grafik).
Das ganze Ausmaß der Misere wird allerdings erst deutlich, wenn man bedenkt, wie stark in den Bildungsausgaben die Lehrergehälter zu Buche schlagen. Denn von den Gesamtausgaben im Primar- und Sekundarbereich in Deutschland entfallen sage und schreibe 82 Prozent auf das Lehrpersonal. So erklärt sich, dass einerseits die Ausgaben für die Grundschule vergleichsweise gering sind und andererseits die Gehälter der deutschen Grundschullehrer mit 37 905 Dollar pro Jahr weit über dem Schnitt von 29 407 Dollar liegen. Das heißt im Umkehrschluss: Für Arbeitsmittel und Ausstattung der Grundschulen selbst ist in Deutschland kaum Geld vorhanden. Dieser Mangel steht in krassem Kontrast zu der Zuwendung, die hierzulande den höheren Klassenstufen zuteil wird. Einen Oberstufenschüler (Sekundarstufe 2) lässt sich Deutschland jedes Jahr 10 107 Dollar kosten (im OECD-Schnitt 5919 Dollar). Nur in der kulturell verwandten Schweiz sind die Oberpennäler noch teurer.
Diese Disparität in der Wertschätzung von kleinen Kindern und Jugendlichen ist typisch deutsch. Kaum irgendwo sonst fällt die staatliche Förderung für die frühe Lernphase so gering aus wie in Deutschland. Hier ist der private Anteil für Kindergärten und Vorschulen fast doppelt so hoch wie im OECD-Mittel. Hingegen fällt das private Engagement im Bereich der Hochschule drastisch ab, unter die Hälfte des OECD-Mittelwerts. "In keinem Land auf der Welt", wundert sich Andreas Schleicher, "werden hohe Gebühren im Kindergarten so widerstandslos hingenommen und zugleich für Studenten ausgeschlossen wie in Deutschland!" Was Not täte, wäre die Umschichtung öffentlicher Gelder von älteren zu jüngeren Jahrgängen - auch wenn die heimliche Koalition aus konservativem Philologenverband und linken Studenten dagegen Sturm laufen wird.
Was die Bildungsausgaben am Ende bewirken, kann aber letztlich nur gemessen werden, wenn die Kompetenz der Absolventen untersucht wird. Der erste Schritt dazu ist die von der OECD durchgeführte Pisa-Studie, deren Fortsetzung bis ins Jahr 2009 bereits geplant ist. Die jetzt vorgelegte Statistik bringt auch Auswertungen von zum Teil bisher noch nicht veröffentlichten Werten aus dieser großen Schulstudie.
So klagen deutsche Schüler, zu wenig Unterstützung von ihren Lehrern zu erhalten. Insbesondere gäben Lehrer zu wenig Hilfestellung beim Lernen und hätten zu wenig Interesse am Lernfortschritt jedes Einzelnen. Lediglich 34 Prozent der 15-Jährigen geben an, dass ihnen die Lehrkraft in "jeder oder fast jeder Unterrichtsstunde" beim Lernen helfe - im OECD-Mittel sagen das immerhin 56 Prozent der Schüler.
Aufschlussreich sind auch die Zahlen zur Ausstattung der Schulen mit Computern. In keinem anderen Land ist der Unterschied zwischen Zugang und Nutzung von Computern im häuslichen und schulischen Umfeld so groß wie in Deutschland. Ist das ein Hinweis, dass bei uns das Leben an den Schulen vorbeigeht? An solchen Fragen will die OECD verstärkt arbeiten. Schulklima und andere "weiche" Faktoren rücken ins Zentrum ihrer Analysen.
Denn mit Geld allein, auch das zeigt die OECD-Statistik, lässt sich die deutsche Schulmisere nicht beheben. Schließlich verdienen beispielsweise die finnischen Lehrer ein Drittel weniger als ihre deutschen Kollegen. Dennoch ist dort "Lehrer" der angesehenste und beim akademischen Nachwuchs beliebteste Beruf. Dieser Befund sollte vielleicht mehr als jeder andere zu denken geben.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 45/2002
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