Der heraufziehende Golfkrieg bestimmt den Endspurt im amerikanischen Kongresswahlkampf - aber Veronique de Rugy regt sich in diesen Tagen lieber über die Wirtschaftspolitik ihres Präsidenten auf. "George W. Bush hat die Sünden seines Vaters wiederholt und zwei Jahre lang massiv den Staat ausgebaut", sagt die Politikforscherin beim erzliberalen Cato-Institut in Washington. "Haben die Republikaner denn völlig ihre Prinzipien über Bord geworfen? Sie sind dafür da, einen kleineren Staat zu fordern!"

Eine wenig schmeichelhafte Bilanz der ersten Halbzeit des Präsidenten - und ausgerechnet aus dem rechten Lager. War es nicht Bush persönlich, der gleich nach seiner Wahl Schecks mit Steuerrückzahlungen im ganzen Land verschickte? Ein beispielloses 1,6-Billionen-Steuersenkungsprogramm durchpeitschte? Weil "möglichst viele Dollars in den Händen jener bleiben sollen, die sie erwirtschaftet haben"? Das Programm begünstigte obendrein noch systematisch die reicheren Amerikaner, die "Investorenklasse" (Bush), die Stammwählerschaft der Republikaner.

Doch nicht nur die erboste Analystin de Rugy hat inzwischen gemerkt, dass die andere Hälfte der Gleichung in Bushs Wirtschaftspolitik fehlt: passend zu den geringeren Steuereinnahmen auch tatsächlich den Staat zu verkleinern. Im Gegenteil. Bush hat die Rolle der Bundesregierung im Bildungswesen ausgebaut und massive Subventionen an die Landwirte vergeben. Zugunsten der Pharmakonzerne hat er die Ausgaben des staatlichen Gesundheitssystems hochgeschraubt, mit beiden Händen Gefälligkeiten an Wahlkreise republikanischer Senatoren und Repräsentanten verteilt. Und außerdem führt der Präsident seinen kostspieligen Krieg gegen den Terror - von der Verteidigung der "Heimatfront" bis zum Rüsten für den nächsten Feldzug am Golf.

Der Staat als Konjunkturmotor

Aufsummiert reicht all das aus, den amerikanischen Bundeshaushalt nach den Überschüssen der fetten Clinton-Jahre tief ins Minus zu reißen: Selbst nach optimistischen Berechnungen hat das Weiße Haus keine Chance, vor der Mitte des Jahrzehnts wieder ein ausgeglichenes Budget vorzulegen. Die Rezession trägt daran die schwerste Schuld, aber wenn man alle Vorhersagen für die kommenden Jahre zugrunde legt, sind Bushs Steuersenkungen zu 40 bis 67 Prozent für dieses Haushaltsloch verantwortlich.

Immer noch die beste Medizin, argumentiert Bushs Wirtschaftsberater Larry Lindsey: Rechtzeitig zur Wirtschaftskrise habe der Staat die Bürger entlastet, seine Koffer geöffnet und die Wirtschaft angeheizt. Schätzungsweise 60 Milliarden Dollar gerieten zusätzlich in den Kreislauf. "Die steigenden Staatsausgaben waren bisher die Rettung der Volkswirtschaft", glaubt auch Christian Weller, Ökonom beim Economic Policy Institute in Washington. Die Demokraten halten dagegen: Mehr Arbeitslosenversicherung und Armenhilfe hätten die Wirtschaft noch viel besser angekurbelt. "Der Präsident ist nur aus Zufall auf die stimulierende Wirtschaftspolitik gestoßen", giftete kürzlich der Princeton-Ökonom und bekennende Demokrat Paul Krugman; die bisherigen Steuersenkungen hätten die Privathaushalte nur "sehr mäßig" in ihrem Ausgabenverhalten beeinflusst, befanden im September die Ökonomen Matthew Shapiro und Joel Slemrod von der University of Michigan.

Doch so oder so: Dieser Streit interessiert nur eine Minderheit der Amerikaner. In Meinungsumfragen stehen George Bushs Republikaner vor den Kongresswahlen am 5. November gut da: Einige Washingtoner Strategen und Lobbyisten sollen sich sogar schon auf einen Durchmarsch der Republikaner in beiden Häusern eingerichtet haben, im Senat und im Repräsentantenhaus. "Als planten sie eine Nachkriegsordnung", beschrieb es der Economist. Nur das ökonomische Team des Präsidenten wirkt, als sei ihm die Luft ausgegangen: Weder das Weiße Haus noch der Wirtschaftsminister Paul O'Neill haben in den vergangenen Wochen große, umfassende Reformideen unters Volk gebracht.