Noch im Juni - da war von Schröders kategorischem Nein zu einer Irak-Intervention noch nicht die Rede - hatte Außenminister Fischer im Europa-Ausschuss des Parlaments mit einer Bemerkung Furore gemacht, die Erweiterung der EU in Richtung Ankara sei "sehr, sehr offen". Nun trat Gerhard Schröder jüngst in Brüssel als Fürsprecher jener Fraktion auf, die ein "Datum für ein Datum" wünscht, an dem mit Beitrittsverhandlungen ernsthaft begonnen werde. Das ist, an Fischers Äußerung gemessen, eine Kurskorrektur.

Ist dies nun die Reaktion auf die Wünsche des großen Partners, angeblich auf einer "Liste Washingtons für Berlin" weitergereicht, wie von der FAZ berichtet? Oder ein Umdenken im sensiblen Berlin? Wolfgang Schäuble urteilte schnell, die Wende sei der "Preis für das Verhalten Schröders im Wahlkampf". Aber ein Positionswechsel aus rein opportunistischen Gründen sei nicht geeignet, den angerichteten Schaden zu beheben.

Die "Liste", versichern alle Kundigen, gebe es nicht. Das sei blanker Unsinn. Der Vollständigkeit halber wäre hinzuzufügen, dass es sie auch keinesfalls geben dürfte, wenn man das transatlantische Verhältnis neu bestimmen und festigen will.

Nirgends Zerknirschung

Joschka Fischer und sein Kollege Colin Powell verstehen sich ohnehin. Die vermaledeite Beziehungskiste zwischen George W. Bush und Gerhard Schröder einmal dahingestellt: Berlin setzt darauf, dass am Ende die gemeinsamen Interessen wieder dominieren. Keinesfalls soll der Eindruck entstehen, Berlin habe sich im Wahlkampf aus innenpolitischen Gründen taktisch verhalten und nun könne man den Standpunkt in der Irak-Frage getrost vergessen. Hinter vorgehaltener Hand ist in der Hauptstadt die Mutmaßung zu hören, der Zorn in Washington sei durchaus kalkuliert. Aber es hagelt auch Selbstkritik: Nicht nur an Herta Däubler-Gmelin, sondern vor allem am Wort des Kanzlers vom "deutschen Weg", mit dem alles in ein schiefes Licht geriet.

Doch nirgends stößt man auf Zerknirschung, nicht einmal heimlich. Der Grund dafür, und das ist die politische Pointe: Zum deutschen Selbstverständnis gehört inzwischen, dass die Bundesrepublik ihren angemessenen Part in Europa übernimmt. Durch den 9. November 1989 habe sich "Deutschlands Rolle in der Welt langfristig gewandelt", und der 11. September 2001 "hat die Sicherheit der Welt insgesamt dramatisch verändert", heißt es in Schröders Regierungserklärung. Hinter den "Paradigmenwechsel", von dem Schröder und Fischer nach dem 11. September sprachen, führt daher kein Weg zurück. Aber, sagte Schröder im Parlament, "weniger denn je" sei Sicherheit mit militärischen Mitteln herzustellen.

Mit anderen Worten: Die Bundesrepublik ist mehr als ein größeres Liechtenstein. So sehen es der Kanzler wie der Außenminister - zu Recht. Fischers rhetorisch klingende Frage, ob "die Prioritätensetzung Irak Sinn macht - um es diplomatisch zu formulieren", ist unter "freien Demokraten" erlaubt. Auffallend nur, wie demonstrativ laut der Außenminister sagt, "die Visite hat nichts mit Canossa zu tun", zumal er doch vor nicht langer Zeit die Haben-nicht-zu-kritisieren-Linie ausgab.