© Roland Weihrauch/AFP/dpa

Nichts hat Guido Westerwelle bislang verlauten lassen, was auch nur annähernd dem Debakel gerecht würde, das seine Partei am 22. September erlebt hat. Vielleicht liegt das daran, dass der frühere Generalsekretär und heutige FDP-Vorsitzende seit 1994 mehr Wahlschlappen durchstehen musste als jeder andere deutsche Spitzenpolitiker. Keiner hat so viel Übung darin, die großspurigen Ansprüche, die er vor einer Wahl erhoben hat, über die Enttäuschung der jeweiligen Niederlage hinwegzuretten. Noch die Analyse seiner Misserfolge betreibt Westerwelle ganz im Gestus des Siegers.

Es ist diese Methode des offensiven Verdrängens, mit der Westerwelle in der Vergangenheit die Krisenfälle seiner Partei und seine eigene Rolle darin zum Verschwinden gebracht hat. Man könnte es deshalb als kleinen Fortschritt verbuchen, dass sich der FDP-Chef diesmal wenigstens ein paar Tage wegduckte, bevor er wieder auftauchte - ganz wie man ihn kennt: unduldsam und ohne erkennbares Schuldbewusstsein. Ob ihm seine Parteifreunde, die in dieser Woche zur Klausurtagung in Berlin zusammenkommen, das einfach durchgehen lassen? Fast möchte man meinen, die Zukunft der FDP hinge auch davon ab, ob die Liberalen Westerwelles eloquenter Schönrederei diesmal widerstehen.

Ohnehin ist der Versuch, die Verantwortung für die Wahlniederlage auf Jürgen Möllemann abzuladen, zu durchsichtig, als dass er erfolgreich sein könnte. Zu fasziniert war der Vorsitzende von Möllemanns überragendem Erfolg bei der vergangenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, und zu offenkundig hat er darin das Vorspiel seines eigenen Triumphes auf Bundesebene gesehen. Lange wirkten die beiden wie ein Tandem - nicht nur als es da-rum ging, den als seriös, aber zu langweilig geltenden Parteichef Wolfgang Gerhard zum Abgang zu drängen. Auch die zentralen Elemente der "Strategie 18" hat der Parteichef Stück für Stück aus Nordrhein-Westfalen übernommen: das Wahlziel 18 Prozent, den Auftritt als Protestpartei, die "den Etablierten" Beine machen sollte, die Kanzlerkandidatur. Und nie wirkte der Vorsitzende, als habe er sich das alles nur aufdrängen lassen.