Geradezu inständig bitten die Leser uns, wir möchten aus unserem Elfenbeinturm herabsteigen und ihnen das neue Preissystem der Deutschen Bahn erklären. Kein Problem, das machen wir gern, schließlich glauben wir fest daran, dass Herrn Mehdorn ein Jahrhundertwerk gelungen ist, von dem Bataillone von ehemaligen Bahnfahrern noch lange erzählen werden. Zuerst also die gute Nachricht: Volle Züge werden künftig leerer, wodurch eine artgerechte Haltung von Bahnreisenden gewährleistet wird. Die Bahncard verbilligt sich, und der dazugehörige Rabatt verbilligt sich ebenfalls und beträgt nur noch die Hälfte von dem, was Sie früher beim Erwerb einer Fahrkarte gespart hätten. Ansonsten gilt die Faustregel: Je früher Sie einen Zug buchen, den normal veranlagte Menschen niemals benutzen würden, desto billiger wird's. Fernpendler sparen, indem sie ihren Arbeitsplatz donnerstags aufsuchen und dienstags per Nachtzug in Richtung Familie wieder verlassen. Sollten Sie Züge buchen, die nicht im Fahrplan verzeichnet sind, sparen Sie bei deren unvermeidlichen Nichtbenutzung sogar den vollen Fahrpreis (Fahrtunterbrechungen sind untersagt). Sollten Sie aufgrund von Schüttelfieber bei Ihrer Tochter den gebuchten Zug verpassen, so ist die Bahn kulant. Trotz Erkrankung einer Nichtreisenden dürfen Sie einen späteren Zug benutzen, wobei lediglich eine kleine Umtauschgebühr (45 Euro) und die Differenz zum Höchstpreis fällig wird, die übliche Verspätung nicht eingerechnet. Bitte beachten Sie, dass nur zehn Prozent der Sitzplätze Frühbuchern zur Verfügung stehen! Was für einen Bruchteil der Fahrgäste billiger wird, muss für die Mehrheit natürlich teurer werden. Wenn von 600 Kunden 530 unfähig sind, das Frühbucherkontingent eines Zuges (70 Plätze) zu erobern, kann die Bahn für das persönliche Versagen ihrer Kunden keine Haftung übernehmen. Nun fragt Leser H. aus S. noch: Was ist, wenn mein Flugzeug freitags wegen Nebel ausfällt? Darf ich wie früher in einen Zug einsteigen, ohne Monate vorher Herrn Mehdorn davon in Kenntnis zu setzen? Lieber Leser, Sie dürfen. Trotz der Maßnahmen zur Zugentleerung ist das private Besteigen eines abfahrbereiten ICE durch Vielfahrer zwar nicht verboten, wird aber mit einer Preiserhöhung von 20 Prozent geahndet. Damit erfüllt die Bahn treuen Fernpendlern einen Herzenswunsch: Sie dürfen endlich fliegen. So kann die Bahn nur gewinnen. Ohne Kunden muss sie nicht fahren, und wer nicht fährt, macht keinen Verlust. Züge, die nicht fahren, kommen nie zu spät. Über den Gleisen wächst Gras. Übrigens, die Mehdorn-Gedächtnis-Bahnhöfe stehen künftig als Museum zur Besichtigung frei. Bitte rechtzeitig buchen!