Als sie auftrat, wurde die Bühne heller. Mme Marie Groneille erschien im Hintergrund der Szene, schritt anmutig, aber entschlossen nach vorn, lächelte uns mit der freundlichsten Siegesgewissheit entgegen. Ich dachte, ich halluziniere. Bevor ich noch richtig sehen und erkennen konnte, wer da aufgetreten war, hatte der ganze Raum zu strahlen begonnen. In den Wahnsinn der Posse brachen kurzfristig Ratio und Herz ein. Es war Marianne Hoppes letzte Theaterrolle: die ältere Dame in Monsieur Verdoux nach Chaplins Kinogedicht, Premiere am 19. Januar 1997 im Berliner Ensemble. Diese Dame in Weiß fiel als Einzige nicht auf den schmeichelnden, mordenden Heiratsschwindler herein, sondern verwirrte ihn mit bergbachheller Vernunft und labyrinthischer Unberechenbarkeit. Sie war gefeit gegen Verdoux' Versuchungen - wohl nicht, weil das so in der Rolle stand, sondern weil Marianne Hoppe eine war, die auf das Niedrige (ob materiell, sentimental, sexuell) niemals hereinfiel. Sie wehrte sich gegen das ihr Unangemessene, Gemeine mit ihrer ganzen Person: eben mit ihrer Vernunft, mit ihrer Unberechenbarkeit.

War sie also uneins mit ihren Rollen? Ja: Sie spielte nicht die Rollen; sie spielte mit den Rollen und ließ sich auf jedes noch so gewagte Spiel ein, das die Rolle mit ihr spielen wollte. Totale Einfühlung und Verwandlung war (zumindest in den letzten 35 Jahren, in denen wir uns kannten) ihre Sache nicht. Das Gegenteil einer Stanislawskianerin, ließ sie ihre eigene Person nicht am Schminktisch in der Garderobe zurück. Sie brachte sie mit allen Widersprüchen auf die Bühne: das Resolute und das Nervöse, eiserne Konzentration und berückende Zerstreutheit, Disziplin und Freiheit. Manche hielten das für Manier - bis sie sahen, wie sie Thomas Bernhard spielte, bis sie hörten, wie sie Goethe, wie sie Kleist las.

Was sie auf der Bühne zeigte, war unverwechselbar persönlich. Was heißt "persönlich"? Für Marianne Hoppe: dass man die eigene Moral mit jeder anmutig-klaren Geste, mit jedem Tonfall der herrlichen Stimme behauptet, aber sie für keinen Augenblick als allgemeines Gesetz den anderen aufdrängt. "So denke ich, so verhalte ich mich - du (Partner oder Zuschauer) kannst entscheiden, ob du das annimmst oder einen anderen Weg gehst. Der Welt (meinen Freunden und Feinden) würde es allerdings nicht schaden, wenn sie da etwas genauer hinschaute, hinhörte." Dieses Unpädagogische, das nicht zu Verallgemeinernde ihrer Schönheit, ihrer Differenziertheit, ihrer Güte, die sich nie als Vorbild und Lektion aufspielten, die auch nie ins Sentimentale abirrten (dessen geheucheltes Mitleid nur Selbstmitleid ist): das hatte Adel.

Vielleicht wuchs ihr manches davon aus der Kindheit auf dem brandenburgischen Gut ihrer Eltern zu. Sie hatte etwas Preußisches (und erinnerte mich manchmal an eine andere große Preußin, Marion Dönhoff). Das Preußische war hier ohne gutherrliche Herrschsucht, bürokratische Pedanterie, dafür voller Klarheit und Würde: Anstand gab sich als Nüchternheit. Zu ihrem Charakter gehörte: wie sie auch im Theaterberuf das ihr Unangemessene, das Dumme oder Mittelmäßige mit einer Handbewegung, mit einem Blick abwehrte, wie sie an Zumutungen wortlos vorbeiging - aber mit einem warmen, guten Wort half, wenn sie spürte, dass Hilfe, Verständnis, Mutmachen vonnöten waren.

Sie wählte, als sich ihre Bindung an Gründgens gelockert hatte, Regisseure, in denen sie Leben, Geist, unverbrauchte Suche spürte: Kortner, Lietzau, Wilson, immer wieder Peymann. Sie wählte den Autor, der mit ihr den Abscheu vor dem Gemeinen teilte, aber den Trost ihrer schönen, großen Sprache brauchte: Thomas Bernhard.