So ist das eben immer mit der Kunst in Köln: Vor dem Kölsch kommt der Knatsch. Auch im Vorfeld der 36. Art Cologne (30.10. bis 3.11.) stieg gleichermaßen wieder das Adrenalin in den Adern der Aussteller wie bei der Eröffnung der Gerstensaft in den schmalen hohen Gläsern. Die Keimzelle des modernen Kunstmarktes mit 18 "progressiven Händlern" in der Domstadt 1967 gegründet, hat sich im vergangenen Jahr selbst zum "Art Pole of the World" hochgejubelt.

Immer wurde die Kölner Messe von strukturellen Veränderungen durchgeschüttelt. In den Anfängen trommelte ein Künstler wie Joseph Beuys für mehr Demokratisierung und Öffnung der Messe an die Glastüren der Kunsthalle Köln. Die Problematik der Ausjurierung und Nichtzulassung von Bewerbern hat die Messe seit den ersten Tagen begleitet, Galerien klagten sich ein oder versuchten es. Mal wurde für Vergrößerung, dann am Rande der Kapazität wieder für Reduzierung der Ausstellerzahl plädiert. Schließlich versuchte man, den Mitmachwünschen durch ein Rotationsverfahren gerecht zu werden. Auch im Jahr 2002 wird experimentiert. Als im Sommer der erste Hallenplan verschickt wurde, schien für manchen treuen Galeristen die Welt nicht mehr in Ordnung. Die Galerie Annely Juda Fine Art aus London fand ihren Stammplatz unabgesprochen von der Münchner Galerie Thomas und der Bochumer Galerie m besetzt. Ihr Nachbar und mit der älteste Messeteilnehmer Hans Mayer aus Düsseldorf fand sich ebenfalls deplatziert. Nach seinem Bekunden hat er nicht über all die Jahre der Messe 350 000 Euro Standmiete gezahlt, um dann "abgeschoben zu werden". Das Geschiebe, Gerangel und Geklüngel um Plätze und Positionen vor allem zugunsten der Kölner Galerien wäre um ein Haar auch dem regelmäßigen Besucher augenscheinlich geworden, hätten Juda und Mayer ihre Absage wahr gemacht. Diese Drohung ließ die Messe kleinlaut einlenken. Die standhafte, inzwischen 86-jährige Dame aus London wird also wieder präsent sein.

Man könnte darüber diskutieren, ob ein wechselndes Ordnungsprinzip sinnvoll ist. Besucherfreundlich ist das jedoch eher nicht. Bei 260 Galerien ist es sowieso schon kaum möglich, die Orientierung auf den beiden Etagen zu behalten. Da sind Fixpunkte im Weltknotenpunkt der Kunst eine beruhigende Konstante. Wenn auch in diesem Jahr einige fehlen: Die ebenfalls ver-rückte Pariser Galerie Lelong verzichtet dankend, die beiden Londoner Topgalerien Waddington und Marlborough nehmen nicht teil; die mit museal anmutenden Ständen und Künstlern wie Jannis Kounellis, Hanne Darboven und Christian Boltanski stets auffallende Galerie Jule Kewenig wurde bizarrerweise ausjuriert - sie hatte in diesem Jahr nur drei Ausstellungen vorzuweisen, das allerdings nach jahrzehntelanger kontinuierlicher Galeriearbeit.

Was die Erwartungen an die Geschäfte angeht, schwanken die Prognosen der Aussteller von tapferem Optimismus, genährt beispielsweise durch die jüngsten Foto- und Expressionistenauktionen bei Sotheby's mit Rekordpreisen, bis zu sehr bescheidenen Hoffnungen nach den Erfahrungen bei den Messen Art Forum in Berlin und FIAC in Paris. Immerhin sind jedoch die von der Branche sehr nervös aufgenommenen Sparpläne des Finanzministers über die Spendenabzugsfähigkeit kultureller Zwecke vom Tisch. Das könnte es den Sammlern leichter machen, trotz Rezession und Verunsicherung für Kunst in die Tasche zu greifen (www.artcologne.de).

Hatte der Kölner Galerist Karsten Greve und Sprecher des Zulassungsausschusses am Rand der Documenta 11 noch beklagt, dass die Museen der Stadt die Messe nicht ausreichend mit attraktiven Ausstellungen flankieren, bietet sich in den vier Tagen in Köln dennoch ein fast nicht zu absolvierendes Programm. Die Galerien bitten am Abend des 30. Oktobers zu den Premierentagen. Die Auktionshäuser Van Ham (31.10., www.van-ham.com) und Lempertz (2.11.) veranstalten an zwei Messetagen ihre Fotoauktionen. Wobei Lempertz erstmals eine reine VintagePrints-Auktion anbietet und am 1. November auch eine Benefizauktion von 95 gestifteten Modellkleidern aus dem Zeitraum von 1950 bis 1990 zugunsten der Deutschen Aids-Stiftung durchzieht (www.lempertz.com).

Sonderschauen der Photographischen Sammlung der luxemburgischen BCEE-Bank und der Kunsthochschule für Medien Köln auf dem Messegelände und Auszeichnungen im festlichen Rahmen runden die geballten Kunsttage ab. Mit dem Art Cologne Preis wird der Sammler Frieder Burda im Rathaus geehrt. Ganz demokratisch und öffentlich erhält die Bildhauerin Isa Genzken am 31.11., 19.00 Uhr im Foyer des Museums Ludwig den dem Kölner Sammler gewidmeten Wolfgang-Hahn-Preis. Hier darf sich jeder seinen Platz selbst aussuchen.