Ob sie in Wahrheit einfach nur vom Flohmarkt sind, die beiden rudernden Hunde aus bemalter Bronze, die, so viel steht fest, Frau Heidenreich gehören und nicht Herrn Schroeder, ihrem Ehemann? Denn zumindest das geht übereinstimmend aus der Geschichte Rudernde Hunde hervor, die dem Gemeinschaftswerk der beiden zu seinem Titel verholfen hat - und zwar aus der einen wie aus der anderen.

Sie wird nämlich gleich zweimal erzählt, von ihm und von ihr, und jeweils ganz anders. Ihre Variante geht ungefähr so:

Rund zwanzig Jahre muss es her sein, es war jedenfalls ein Rosenmontag, als sich unverhofft Albert meldete, ihr liebster Freund, für herrliche Dummheiten gut, aber leider nicht fürs Leben. Die Nachricht klingt alarmierend: nächtliche Durchreise, eine Minute Aufenthalt, unbedingt zum Bahnhof kommen. "Es war völlig klar: er brauchte uns, mich, war in Not." Und weil es ja Elke Heidenreich ist, die diese Geschichte erzählt, wird nicht gezimpert und gezaudert, sondern ein Care-Paket zusammengeworfen, dieweil Walter, der kleinkarierte Lebensabschnittsgefährte, statt anzupacken, verdruckst und eifersüchtig im Weg herumsteht. Und dann, ja dann - ist es doch nur eine dieser Verrücktheiten, mit denen Albert immer wieder ihre Nerven strapaziert und ihr Herz erobert hat: "‰Was ist los, Albert', fragte ich, ",warum hast du angerufen?'" - "Nichts ist los", sagt Albert und zieht aus seinem Morgenrock die kleine Skulptur, zwei Hunde im Ruderboot, Fritz und Heinz, und wenn man genau hinguckt, sagt Albert, sieht man, "dass Fritz mit der Frau von Heinz was hat, aber er denkt, Heinz wüßte es nicht. Heinz weiß es aber doch, und irgendwie passiert da bald was." Und wirklich: Es passiert etwas. Die Frau, so überraschend konfrontiert mit Witz, Charme und Fantasie, gesteht sich endlich ein, wie öde sie ihren Walter findet. Und weil es ja Elke Heidenreich ist, die diese Geschichte erzählt, wird nicht gezimpert und gezaudert, sondern gehandelt. "Walter hat inzwischen geheiratet", heißt es lakonisch am Schluss, "und bringt seinem Sohn vielleicht ,Sitz! Platz! Fuß!' bei, wer weiß."

"So sind die Frauen", sagt Bernd Schroeder und meint: Immer basteln sie sich ihre eigene Wahrheit.

Geübt wird scharfe Nachsicht

In seiner Spiegel-Geschichte heißen die rudernden Hunde nach den Zwillingen Harro und Hasso, die einmal, in den dreißiger Jahren, die große deutsche Hoffnung im "Zweier ohne" waren. Die Frau ihres Trainers Suhrbier hat die kleine Plastik in Ungarn anfertigen lassen, für ihren Mann, der sie den Zwillingen, seinen "Hunden", bei einem späten Wiedersehen vermacht. Und weil die beiden, längst ergraute und gesetzte Herren, die gemeinsam einen Spiegelladen (!) betreiben, von ihrer glorreichen Vergangenheit so gar nichts mehr wissen wollen, nimmt der Erzähler, der Suhrbier in der DDR aufgespürt und das Treffen arrangiert hat, die rudernden Hunde an sich und macht sie seiner Frau zum Geschenk. "Nun stehen sie schon seit über fünfzehn Jahren auf ihrem Schreibsekretär und sind ihr die Versinnbildlichung von Ehrgeiz und Besessenheit. Wenn meine Frau allerdings gefragt wird, was es mit diesen rudernden Hunden auf sich habe, erzählt sie eine ganz andere Geschichte ..."

Was bei ihr ein Faschingszauber ist, wird bei ihm zum deutsch-deutschen Trauerspiel um ein Brüderpaar, das vom Ehrgeiz des Vaters und Suhrbiers, eines strammen Nazis, der später spielend zum strammen Genossen mutiert, in einen ungeliebten Sport gezwungen wird. Harro und Hasso haben den Absprung geschafft, aus einem verfehlten Leben zum Schluss noch das Beste gemacht, und so begegnen sie ihrem dummstolzen Trainer mit Nachsicht, ohne ihn merken zu lassen, wie sehr sein Erscheinen an alte Bitterkeiten rührt.