Das große rote Buch: Wachstumssollwerte sind darin verzeichnet, Ernährungskoeffizienten und Tagesrationen. Man kann sich zunächst nur wenig unter den Zahlen und Fakten vorstellen. Aber dann tritt man aus dem engen Büro der Kinderschwester hinaus in den Innenhof des Klosters von Nambuma - und die Namen und Statistiken werden zu Schicksalen. Vor zwei Tagen hat die Schwester die Daten der kleinen Caroline eingetragen. Sie sitzt im Schoße ihrer Mutter, schwer atmend, und dämmert lethargisch vor sich hin. Ihr Körper ist stark aufgedunsen, die Lider sind so dick, dass sie nicht mehr aus den Augen schauen kann. Das Haar: blonder Flaum. Die Haut: dünn und knittrig wie Pergament, stellenweise aufgeplatzt. Die Symptome schwerster Unternährung. Das Mädchen ist 25 Monate alt. Wird es überleben? Oder werden im roten Buch bald auch hinter seinem Namen die Großbuchstaben DEAD stehen - wie bei den vier anderen Kindern, die bereits verhungert sind?

"Die Lage wird von Tag zu Tag schlechter", sagt Modesta Chilembwe, die Oberin des Klosters. Sie führt uns zu den Neuzugängen, die heute früh aus dem Umland eingetroffen sind. 90 Mütter, erschöpft vom Fußmarsch, in ihren Tragetüchern Säuglinge mit aufgedunsenen Bäuchen, viele Kleinkinder nur noch Haut und Knochen. Die meisten haben nicht mehr die Kraft zu schreien. Sie wimmern, während sie gewogen, gemessen, eingestuft werden. "Ich habe keine Milch mehr", klagt Ruth Chinyama. Chipiliro, der Jüngste, saugt an ihrer schlaffen Brust. Das Kerlchen wiegt 3,2 Kilogramm, weniger als bei seiner Geburt vor einem knappen Jahr. Seine Hände sehen aus wie Vogelkrallen. "Die Ernte war schlecht. Wir mussten sogar unser Saatgut aufessen", erzählt die Mutter. "In unserem Dorf hungern alle."

Ruth Chinyama und ihr Sohn: zwei von 14,4 Millionen Menschen im Süden Afrikas, die nach Hochrechnungen der Vereinten Nationen von einer Hungersnot bedroht sind. In Sambia und Swasiland, in Simbabwe, Lesotho und Malawi - überall die gleichen Bilder: leere Kornspeicher, kahle Felder, darbende Menschen. Humanitäre Organisationen sprechen von der verheerendsten Katastrophe, die die Region je heimgesucht habe.

Schuld an der Misere sei das veränderte Klima, heißt es allenthalben, erst der sintflutartige Regen, dann die anhaltende Dürre. Und sprechen nicht alle Zeichen für die Wetterthese? Das dürstende Land unter der gnadenlos brennenden Sonne, die trockenen Flussbetten, die klapprigen Ngoma-Rinder, das blecherne Rascheln verdorrter Pflanzen. Man ist geneigt, den regierungsamtlichen Erklärungen zu glauben.

Kriminelle Politiker haben Malawis Maisreserve verkauft

Aber in Malawi kommen einem schon bald ganz andere Geschichten über die Ursachen der Misere zu Ohren. Dürren habe es gegeben, solange die Menschen zurückdenken können, hört man, und die Kapriolen der Natur seien nur ein Teil des Problems. Der andere Teil werde von Menschen verursacht, von unfähigen, korrupten Politikern. Man möge zwecks Anschauungsunterrichts nur nach Kanenge fahren, wo die strategische Maisreserve für Notzeiten wie diese eingelagert war. Die 24 Silotürme sind leer, und die Leute fragen: Was ist mit den 167 000 Tonnen Mais geschehen? Die Antwort gibt ein geheimer Report des Anti-Corruption Bureau (Akte CR/LIL/627/2001), der der ZEIT vorliegt. Der Großteil der Getreiderücklagen wurde just von den parastaatlichen Agenturen, denen die Lagerverwaltung obliegt, verhökert. Unter den Zwischenhändlern, die den Mais mit fettem Gewinn weiterverkauften, sind hochrangige Politiker wie Leonard Mangulama, der ehemalige Agrarminister. Heute ist er zuständig für das Ressort Armutsbekämpfung.

Das Fazit der Korruptionsfahnder: Durch Missmanagement und kriminelle Nachlässigkeit sei dem Staat ein Verlust von 2,9 Milliarden Kwacha (zirka 40 Millionen Euro) entstanden und die allgemeine Versorgungskrise verschärft worden. Der Leiter des parlamentarischen Agrarausschusses, der den Fall weiterverfolgen sollte, wurde unlängst abgesetzt - angeblich auf Weisung des Präsidenten Bakili Muluzi. Aber sein Agrarminister will sich auf dieses heikle Thema nicht einlassen. Aleke Banda erzählt lieber, dass der Internationale Währungsfonds aufgrund der enormen Lagerkosten den Verkauf eines Teils der Kornreserven dringlich empfohlen habe - als mache dies die Schlamperei der Staatsführung verständlicher.