Bei der Geiselnahme in Moskau am 23. Oktober 2002 haben die russischen Sicherheitskräfte die rechtzeitige Freilassung ausländischer Geiseln verhindert, schreibt DIE ZEIT. Die tschetschenischen Geiselnehmer in einem Moskauer Musical-Theater hatten die Freilassung der nichtrussischen Geiseln mehrmals angeboten. Ukrainische Parlamentarier reisten eigens an, um ihre Landsleute nach Hause zu begleiten. "Die russische Seite war nicht bereit, alle Varianten zur Befreiung einzelner Geiselgruppen in Betracht zu ziehen", kritisiert der ukrainische Abgeordnete Refat Tschubarow in der ZEIT.

Auch westliche Diplomaten fühlten sich von den russischen Sicherheitskräften verladen. Moskau ließ eine deutsch-britisch-amerikanische Initiative ins Leere laufen, die zur Entspannung der Situation eine internationale Pressekonferenz mit einem Vertreter der Geiselnehmer vorsah. "Freitagnacht gab es eine ‚verkappte Ablehnung", sagt ein westlicher Diplomat. "Es hieß, wir würden zu einem geeigneten Zeitpunkt von der Entscheidung über den Vorschlag erfahren. Unsere russischen Kontaktleute waren zu dieser Zeit ungewöhnlich freundlich und zuvorkommend. Da ahnten wir: Die haben mit der Sache längst abgeschlossen." Knapp zwei Stunden später stürmten die Spezialeinheiten das Theater, ohne Rücksicht auf das Leben der Geiseln zu nehmen. Dabei kamen unter anderem ein Amerikaner und eine Österreicherin ums Leben.

Eine neue Studie des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung hat ergeben, dass die Deutschen gestresst sind, sozialen Halt suchen und auf andere herabblicken. Dringender denn je, so die Studie, suchen die Menschen in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise nach Anerkennung jen-seits von Geld und Erfolg, schreibt DIE ZEIT.

Politikverdrossenheit und wirtschaftliche Verunsicherung sind laut Studie weit verbreitet. Das habe geringere Akzeptanz von Minderheiten und sozial Schwächeren zur Folge. Fast jeder fünfte Deutsche könnte sich von Rechtspopulisten mobilisieren lassen. 52 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass viele Ju-den versuchen würden, aus dem Holocaust Vorteile zu ziehen - und dass sie die Deutschen für die Vergangenheit zahlen ließen. 71 Prozent meinen, Muslime sollten in Deutschland nicht nach ihren eigenen Glaubensgesetzen leben. 16 Prozent finden, dass die Weißen zu Recht führend sind in der Welt.

Die repräsentative Langzeituntersuchung stützt sich auf die Befragung von rund 3000 Deutschen. Bis 2011 will die Forschungsgruppe um den Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer alljährlich einen Report über das Ausmaß und die Ursachen "menschenfeindlicher Mentalitäten" vorlegen.

An diesem Donnerstag wird der erste Report der Öffentlichkeit vorgestellt. Er wird unter dem Titel "Deutsche Zustände" in der Edition Suhrkamp erscheinen und ab 11. Dezember 2002 in Buchhandlungen erhältlich sein. Gefördert wird die Studie unter anderem von der Volkswagen Stiftung, der Suhrkamp-Verlag und DIE ZEIT sind Medienpartner.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) fordert einen deutlichen Klimawandel in der deutschen Gesellschaft. "Wir befinden uns mitten in einer dramatischen Veränderungszeit. Technologisch, wirtschaftlich und sozial erleben wir geradezu revolutionäre Veränderungen. Das erzeugt bei vielen Menschen ein tiefes Gefühl sozialer Unsicherheit, Überforderungsängste, Minderwertigkeitsgefühle, bis hin zu moralischer Entwurzelung", sagt Thierse der ZEIT.