Christoph Marthaler darf, nach allerlei Solidaritätsadressen aus dem In- und Ausland, nun doch Intendant des Zürcher Schauspielhauses bleiben. Der Verwaltungsrat, der ihn eben noch auf die Straße setzen wollte, weil er das Publikum aus dem Theater getrieben habe, hat ihn jetzt auf Druck ebendieses Publikums wieder ins Amt gesetzt. Hohn und Spott sind über den Verwaltungsrat ausgegossen worden, der nicht weiß, was er will. Ein Theater mit Marthaler und ohne Zuschauer? Oder ein Theater ohne Marthaler und - nun offensichtlich: ebenfalls ohne Zuschauer. Fassen wir den Vorgang biblisch zusammen: Der Verwaltungsrat hat sich mutig wie Pilatus vor das Volk gestellt und gefragt: Was wollt ihr? Und das Volk hat geantwortet: Wir wollen nicht ins Theater gehen, aber wir wollen trotzdem Marthaler haben. Mit einem solchen Volk, das wird jeder zugeben, kann man schlechterdings keine Kulturpolitik machen.

Vielleicht gibt es aber zwei Völker. Das eine will nicht ins Theater gehen, solange Marthaler seine Experimente macht. Das andere Volk will Marthalers Experimente, aber ebenfalls nicht ins Theater gehen, denn sonst wären die Säle gefüllt gewesen und die Schulden niemals entstanden, die den Verwaltungsrat bekümmern. Der Rat hat sich deshalb gedacht: Wenn das Volk zwei Völker ist, dann sind wir eben zwei Räte. Der eine hält Marthaler im Amt, der andere verlangt, dass er trotzdem keine Schulden macht. Wie das gehen soll? Ein Marthaler, der keine Schulden macht? Das, bitte schön, hat sich der doppelte Rat gedacht, müssen die beiden Völker beim Krieg an der Kartenkasse entscheiden.

Vor vielen Jahren gab es in Wien große Sorge, als ein Publikumsbeirat fürs Burgtheater installiert werden sollte, der einen zuschauerfreundlichen Spielplan durchsetzen sollte. Seit den Zürcher Vorgängen wissen wir, was ein solcher Beirat durchgesetzt hätte: nämlich die denkbar unpopulärsten Stücke. Denn es ist eine Sache, ins Theater zu gehen, und eine andere Sache, ein Theater zu verantworten. Zwischen der einen und der anderen Rolle findet ein blitzartiger Loyalitätswechsel statt: vom Anwalt des Publikums zum Anwalt der Kunst.

Übrigens hat ein Schweizer das Phänomen zum ersten Mal durchdacht. Conrad Ferdinand Meyers Novelle Der Heilige erzählt die berühmte Geschichte von Thomas Becket, dem treuen Lordkanzler Heinrichs II., der sich gleichsam über Nacht zu einem erbitterten Widersacher der Krone wandelt, als er Erzbischof von Canterbury wird und die Sache der Kirche vertreten muss. 70 Jahre später hat Jean Anouilh das Stück für das Theater bearbeitet, wo es offenbar auch hingehört und inzwischen mit durchschlagendem Erfolg vom Zürcher Volk aufgeführt wird. Der Loyalitätswechsel hat es gespalten, das heißt in Wahrheit: verwandelt. Die Theaterverächter sind in dem Moment, da ihnen die Theaterverantwortung zugewiesen wurde, zu Theaterverteidigern geworden.