Es gibt Ereignisse und Geschichten, die sich dem kollektiven Bewusstsein über die Jahrtausende hinweg einprägen. Der riesige Bücherscheiterhaufen, in den Cäsars Truppen die Bibliothek von Alexandria verwandelten, gehört dazu: als Fanal für eine Gefährdung des Wissens, die kühl kalkuliert auch den Tod von Menschen in Kauf nimmt. Was damals in Flammen aufging, war die Library of Congress des Altertums: ein Ort, an dem möglichst alle Schriftwerke vereint und für die Kundigen öffentlich zugänglich sein sollten.

Die Macht des Mythos wirkte so stark, dass Ägypten einen ambitionierten Nachfolgebau der berühmten Bibliothek erbauen ließ, der sich inzwischen nicht weit vom ursprünglichen Standort in Alexandria erhebt. Das Beispiel Alexandria beweist drastisch, wie die etwa viereinhalb Jahrtausende Bibliotheksgeschichte seit jeher mit Politik und Ideologie eng verknüpft sind. Bücher - zumal in großer Zahl - provozieren. Tausende Textsammlungen wurden pulverisiert oder geplündert, um einer gegnerischen Kultur das Fundament zu nehmen oder sie sich anzueignen. Assurbanipals Raub der Keilschriftsammlung seines Bruders gleicht darin den Aktionen konkurrierender NS-Organisationen, die Millionen jüdischer Schriftstücke stahlen oder durch "Brennkommandos" vernichteten.

Die jüdischen Bibliotheken besaßen für das Volk des Buches höchsten Wert, und gleich ihren Lesern litten sie lange unter Rechtlosigkeit und Verfolgung, wie Markus Kirchhoffs Band Häuser des Buches vor Augen führt. Anders als der Untertitel Bilder jüdischer Bibliotheken suggeriert, handelt es sich dabei nicht um ein umfassendes Bildwerk; der Autor stellt jüdische Bibliotheken in Europa, den USA und Israel von 1850 bis 1950 vor.

Über Kirchhoffs Ungeschicklichkeiten in Aufbau und Sprache liest man je länger, je leichter hinweg, eröffnet er doch tiefe Blicke in eine existenzielle Buchkultur. Existenziell mit der Schrift verbunden zu sein, das kann etwa heißen: Jüdisch-polnische Provinzbüchereien in den zwanziger Jahren schränkten die Ausleihe auf die wirklich Interessierten ein. Der Bibliothekar "hatte das Recht, einen Leser zu testen, um zu sehen, ob er das Buch wirklich gelesen hatte, und wenn ja, ob er es verstanden hatte".

Erinnerungen, Einzelschicksale und natürlich die Fotos von Lesern, Bibliothekaren, Schriften aus Wilna, Theresienstadt, Berlin, Jerusalem, New York beleben ein Buch, das sich nicht mit der Geschichte von Bibliotheken, ihrem Aufbau, ihrem Betrieb begnügt, sondern auch die Leistung von Gelehrten wie Salman Schocken, Aby Warburg oder Gershom Scholem würdigt, deren Exil auch eine "Emigration der Bücher" bedeutete.

Bibliotheken hatten freilich nicht nur zu leiden, sie machten auch Epoche. Allein ihre Erfindung bedeutete einen Meilenstein für die Sicherung des Wissens, denn Kultur bekam durch das Buch ein universales Langzeitgedächtnis. So bieten zwei neue Bücher über Bibliotheken der Antike keinen bücherstaubtrockenen Stoff, sondern vielmehr kultur- wie wissensgeschichtlich erhellende Entdeckungen.

Wo schrieb Aristoteles?