Nur die Angler scheinen an diesem Spätsommertag zu wissen, was sie an der Oder haben. Die breite Uferstraße liegt wie ausgestorben da, kein Auto fährt, keine Spaziergänger sind zu sehen, und auf der vierspurigen Schnellstraße flimmert der Asphalt. Man muss viel Fantasie aufbringen, um sich vorzustellen, dass dies einst Stettins belebteste Flanier- und Ausgehmeile gewesen ist und sich hier die Cafés und Restaurants aneinander reihten. Da war das Feinschmeckerrestaurant Zwei goldene Adler, das im Jahr 1901 von Bollwerk Nummer 2 in die Nummer 9 umzog, direkt neben das Hotel Sankt Petersburg. In Höhe Nummer 16 dann das Restaurant Hackepeter, die Kemp Weinstuben und der Kaiserhof. Alle mit Blick aufs Wasser, vom Bahnhof zu Fuß in wenigen Minuten zu erreichen.

Als im Jahr 1843 die Eisenbahnstrecke zwischen Berlin und Stettin eingeweiht wurde, sollte der Handel zwischen den Regionen angekurbelt werden. Es dauerte nur Monate, bis die Touristen aus Berlin in Scharen anreisten. Statt zweier Reisetage auf der Landstraße benötigte man jetzt nur noch vier Stunden und zehn Minuten. Um die Jahrhundertwende nutzten monatlich etwa 200 000 Reisende die Strecke. Stettin war zwar noch längst nicht die drittgrößte deutsche Stadt, wie sie es bei Kriegsausbruch sein würde, diente dem Vergnügungswillen der Berliner Wochenendgäste jedoch als ideales Ziel. Raddampfer, Restaurants, Tanzcafés, alles war da. Nach der Eröffnung des Cafés Ponath im September 1929 gastierte der bekannte Kaffeehausdirigent Willi Bahl gleich ein ganzes Jahr in Stettin. Und eine Besucherin schrieb auf eine Postkarte: »Genieße den Morgenkaffee bei einem Frühjahrs-konzert.« Wer morgens in Berlin in den Zug stieg, saß mittags auf einer hübschen Seeterrasse. Preußische Fassaden und prächtige Plätze hielten denen Berlins im Vergleich mühelos stand, hinzu kam die Nähe Stettins zur Ostsee.

Heute benötigt der schnellste Zug von Berlin-Lichtenberg aus zwei Stunden. Im Abteil sitzen an diesem Morgen ein paar Polen, sie sind auf dem Weg nach Hause, man liest und döst vor sich hin. Touristen sind kaum unterwegs. Am auffälligsten ist noch die kleine Gruppe deutscher Jugendlicher, die mit Rucksäcken für ein Wochenende auf dem Zeltplatz ausgerüstet ist. »Zelten ist billiger«, sagt einer. Kurz vor Stettin passiert der Zug sozialistische Plattenbauten und brachliegende Flächen. Die Gleise des Hauptbahnhofs sind verwirrend lang und am südlichen Ende durch eine betonierte Gleisbrücke verbunden. Nach wie vor ist die Architektur darauf angelegt, große Menschenmengen durchzuschleusen. Grau ist in der zugigen Bahnhofshalle die Staatsfarbe geblieben, und noch hat der polnische Kioskbetreiber keine einzige deutsche Zeitung im Sortiment, aber wenn man gleich die Treppe zur Gleisbrücke nimmt, dann entschädigt der Blick für alle Widrigkeiten: Die Oder glitzert seltsam hellgelb im Morgenlicht. Die Luft riecht nach Salz und Seewind, hier ist das Meer schon genau zu spüren.