Jahrelang waren sie die Helden von Brüssel. Die Beamten der Generaldirektion Wettbewerb, die Männer und Frauen hinter EU-Kommissar Mario Monti galten als kompetente Wächter über den Markt, als furchtlose Kämpfer gegen Kartelle und kundige Schiedsrichter bei Subventionswettläufen. Der Kommissar selbst hatte einst nicht nur den mächtigen Exchef des amerikanischen Großunternehmens General Electric (GE), Jack Welch, in die Knie gezwungen. Weil er GE den Kauf der angeschlagenen US-Firma Honeywell wegen der zu erwartenden negativen Auswirkungen auf den europäischen Markt verbot, schimpfte damals auch die komplette amerikanische Wirtschaftspresse - ohne Erfolg. Monti gefiel sich seither als angeblicher "Super-Mario".

Damit ist es nun vorerst vorbei. Gleich zweimal mahnte der Europäische Gerichtshof die Wettbewerbshüter in der vergangenen Woche ab, und zwar mit harschen Worten. Kein Wunder, dass sie seither die Sinnkrise gepackt hat - zumal vor allem die angelsächsische Presse nun am liebsten Tabula rasa machen und das ganze, nach deutschem Vorbild gebaute EU-System der Wettbewerbskontrolle demontiert sehen würde. Doch dieser Schluss ist falsch. Montis Behörde muss nicht abgerissen, sondern renoviert werden.

Brüssel solle die Krise nutzen, so die Argumentation der Kritiker, um das Kontrollsystem für den Wettbewerb auf amerikanische Art auszurichten. Die Kommission sollte also die Entscheidung über Fusionsverbote sofort an unabhängige Gerichte geben und selbst nur noch als eine Art Staatsanwaltschaft auftreten, die Argumente für Verbote sammelt und verteidigt. Solch eine Gewaltentrennung soll Fehlentscheidungen, wie sie in der vergangenen Woche vom EuGH zu Recht gerügt wurden, verhindern. Doch diese Idee, so apart sie klingt, trägt nur in der Theorie.

Schon heute kann die Kommission nicht selbstherrlich walten, denn immer muss sie das Wort des EuGH fürchten. Dass der mutig eingreift, hat er gerade in der vergangenen Woche deutlich bewiesen: Die Richter entkräfteten das Veto der Behörde gegen die Zusammenschlüsse der französischen Elektrokonzerne Schneider und Legrand und gegen die Übernahme des französischen PET-Flaschenproduzenten Sidel durch den schwedischen Verpackungsmulti Tetra Laval. In der Urteilsbegründung steht ziemlich deutlich der Vorwurf der Schlamperei: Die wirtschaftliche Analyse beruhe auf "unzureichenden Beweisen und einer Reihe offensichtlicher Begründungsfehler", sie sei mit "Fehlern und Auslassungen gespickt". Zudem wären die Rechte der betroffenen Unternehmen während des Prüfverfahrens missachtet und so ihre Marktmacht einfach überschätzt worden. Schon im Sommer hatten die Richter ähnlich hart geurteilt, dass der Kauf des britischen Reiseveranstalters First Choice durch die ebenfalls britische Airtours (heute: My Travel) nicht hätte verboten werden dürfen. Sie sahen den Wettbewerb auf der Insel nicht beeinträchtigt.

Diese Ohrfeigen schmerzen. Doch in der Praxis werden auch in den USA Wettbewerbsentscheidungen weder schneller noch transparenter gefällt - im Gegenteil. Dort beschäftigt das Gezerre um die Frage, ob Microsoft seine Marktmacht missbraucht und was dagegen zu tun ist, die Gerichte bereits seit Jahren. Außerdem: Schon heute können in Europa Entscheidungen der Kommission vor Gericht sogar im Schnellverfahren revidiert - und damit repariert werden.

Leider hat diese von Angelsachsen angezettelte Scheindebatte von tatsächlichen Problemen abgelenkt: Die größte Schwierigkeit beim Schutz des Wettbewerbes in Europa liegt heute nicht etwa in zu vielen, falschen oder gar unabänderlichen Fusionsverboten aus Brüssel. Seit sie ihre Arbeit aufgenommen haben, entschieden die EU-Bürokraten über mehr als 2000 Zusammenschlüsse. Sie blockierten davon nur 20 - und von diesen wenigen Verboten wurde wiederum nur die Hälfte angefochten. Die wirklichen Sorgen fasste vielmehr das EU-Parlament treffend so zusammen: "Das derzeitige Regelwerk der europäischen Wettbewerbspolitik ist zu bürokratisch, umständlich und ineffizient." Veraltete Vorschriften, viel zu wenig Personal und Zeitnot behindern die Arbeit. Spätestens mit der EU-Erweiterung wird die Kommission ihre Aufgaben kaum noch seriös bewältigen können. Das wäre schlecht für Europas Verbraucher.

Deshalb veröffentlichten Montis Leute bereits vor einiger Zeit Verbesserungsvorschläge: Die ersten, beispielsweise zum Umgang mit Kartellen, stehen schon seit drei Jahren im Modernisierungsweißbuch, Ideen zur besseren Fusionskontrolle wurden im vergangenen Winter mit dem sogenannten Grünbuch vorgestellt. 144 Verbesserungsvorschläge von Verbänden, nationalen Ämtern und Wettbewerbsexperten trafen daraufhin ein und wurden begutachtet - ein in seiner Transparenz vorbildlicher Prozess.