Tony Blair ist ein ehrgeiziger Mann. Seit er 1997 Premierminister wurde, präsentiert er den Briten große Ambitionen und weit reichende Visionen. Seine Ambitionen gelten der Reform des öffentlichen Diensts, seine Vision ist es, Großbritannien möglichst bis zum Jahr 2005 in die Währungsunion zu führen. So ging er ans Werk, setzte Gesundheit, Bildung und Transport an die Spitze der Tagesordnung und nannte sich gleichzeitig einen Akteur "im Herzen Europas".

Doch seit dem Ende des Sommers verstellen Blairs Ambitionen seiner Vision den Weg. Nicht nur, dass die Verbesserungen im Gesundheitswesen kaum spürbar sind und das Schienennetz desolat ist wie eh und je, zusätzlich gehen die Gewerkschaften auf die Barrikaden und dominieren mit kolossalen Lohnforderungen das politische Tagesgeschehen. An Europa denkt außer Blair keiner mehr.

Die Feuerwehrleute fordern 40 Prozent mehr Lohn und drohen damit, bis zum Ende des Jahres an 32 Tagen die Arbeit niederzulegen. Gewerkschaftsführer Andy Gilchrist hat den Angriff auf die Regierung generalstabsmäßig vorbereitet. Während der politischen Sommerpause holte er die Unterstützung anderer Gewerkschaften ein, und Labour sieht sich nun der vereinigten Front seiner Gründerväter gegenüber. Als "sehr gut" bezeichnete TUC, der Dachverband der Gewerkschaften, die Forderungen der Feuerwehr. In dem Land, das seit Margaret Thatcher als "gewerkschaftsfrei" galt, sind Arbeitsausstände im öffentlichen Dienst längst keine Seltenheit mehr. Seit Monaten kommt die Londoner U-Bahn regelmäßig zum Stillstand, weil Gewerkschaftschef Bob Crow für seine Mannen einen Mindestlohn von 30 000 Pfund im Jahr fordert und die Pläne der Regierung vehement ablehnt, die Erneuerung der Infrastruktur Privaten zu überlassen.

Obgleich der Feuerwehrmann Gilchrist die erste Streikwelle für diese Woche abgesagt hat und sich verhandlungsbereit zeigte, ist der Konflikt noch lange nicht beigelegt. Blairs Ambitionen lassen sich nicht so leicht umsetzen, wie er glaubte.

Derweil machen Berlin und Paris die Zukunft Europas unter sich aus. Als Jacques Chirac seinen Kollegen Gerhard Schröder letzte Woche auf die Zukunft der Landwirtschaftsbeihilfen festnagelte, wurde Blair lediglich von dem Ergebnis informiert und blieb verärgert zurück. Denn eigentlich wollte Blair den Briten als der Mann im Gedächtnis bleiben, der seine Vision zur Realität machte und den großen Schritt nach Europa ging.

Er wird sich wohl noch ein wenig gedulden müssen.