Foto: Klaus-d. Francke /Bilderberg

Über der türkischen Republik Nordzypern liegt eine süße Melancholie. Es ist die Melancholie eines von den Touristen und der Hoffnung verlassenen Landes. Es ist die Süße des Ginsters, der weiten, schlafenden Täler, der ergeben verwahrlosten Dörfer und der tatenlos verbummelten Stunden im Kaffeehaus. Es ist Untüchtigkeit und Lebensart, es ist eine Melange von ererbtem kolonialbritischem Phlegma und dem noch älteren osmanischen Stolz. Denn als die Insel 1878 von einem Großwesir (der übrigens aus Zypern stammte) an die Engländer verkauft wurde, änderte sich für die Zypern-Türken wenig, sie blieben die Verwalter der Insel und amalgamierten sich langsam den britischen Sitten. Sie übernahmen Schuluniformen, Linksverkehr, angelsächsische Schlagfertigkeit und die Emanzipation der Frau; im Übrigen verständigte man sich von Feudalgesellschaft zu Feudalgesellschaft. Die Stunde der Zypern-Türken schlug erst 1960 mit der Unabhängigkeit der Insel, als die griechische Bevölkerungsmehrheit den ganzen Reichtum ihrer Geschäftstüchtigkeit entfaltete und der Zypern-Türke sich mit seinem tatenarmen Humor und den verschlissenen Tweedjacken in der Rolle einer marginalisierten Minderheit wiederfand.

Heute, da die Konkurrenz gewaltsam beendet und die Insel geteilt ist, tritt der Unterschied noch krasser hervor. Wer sich in der glühenden Hitze, die von Mai bis Oktober die Insel wie ein Spiegelei im öligen Mittelmeer brät, durch den türkischen Nordteil Nikosias schleppt, kann nur ahnen, dass im griechischen Süden das Geschäftsleben tobt, Schwarzgelder aus aller Herren Länder gewaschen werden und in High-Tech-Betrieben avancierte Elektronik entwickelt wird. Im Norden gibt es nichts davon. Im Norden werden höchstens gefälschte Markenartikel angeboten, Polohemden mit verkümmertem Krokodil, Rolex-Uhren mit Brillantkranz aus Plastik, und im Frühjahr eine naturwüchsige Produktion rotblonder Katzenbabys, auf die nichts als ein bitterer Überlebenskampf wartet und die seltenen Zärtlichkeiten versprengter Touristen. Es ist eine große Stille und Einsamkeit, und wer sie sucht, wer löchrige Landstraßen und silbergraue Dünenstrände über Stunden und Tage für sich allein haben will, der wird in Nordzypern sehr glücklich werden.

Durch das Ruinenfeld von Salamis streift der Reisende, als sei er Lord Byron oder Winckelmann, der die Zeugnisse der Antike zum ersten Mal und auf eigene Faust entdeckt. Antike Mosaiken verbergen sich unter mannshohen Unkräutern, und vor der Kulisse dieser einstmals mächtigen Stadt kann man ein Bad im Meer nehmen, wenn sich der Weg durchs Schilf freischlagen lässt. Kein Reiseführer preist die gotischen Kathedralen von Famagusta, in die unterdes Moscheen eingezogen sind, niemand hetzt zum Besuch der Dornröschenschlösser, die in den Bergen von Macht und Größe des französischen Kreuzfahrergeschlechts der Lusignan künden, die im Mittelalter auf der Insel herrschten.