In der Pariser Filmwelt der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre kam man an Germaine Dulac einfach nicht vorbei: eine stets kettenrauchende Grande Dame, die auf Fotos der damaligen Gesellschaft mit provokanter Garçonne-Frisur erscheint. Als Regisseurin machte sie Publikumsfilme und eine Kinoserie, experimentierte aber gleichzeitig mit dem neuen Medium und drehte abstrakte Kunstfilme. Dulac war auch Kritikerin und Filmtheoretikerin, ihre oftmals radikalen, avantgardistischen Positionen veröffentlichte sie in stilbildenden Zeitschriften und engagierte sich zudem in vorderster Reihe in der fortschrittlichen internationalen Filmclubbewegung. Als Mitte der dreißiger Jahre der Faschismus zu einer weltweiten Bedrohung wurde, gründete die überzeugte Sozialistin die Nachrichtenagentur Gaumont und drehte bis zu ihrem Tod 1942 vorwiegend Reportagen, mit denen sie, angelehnt an den Titel einer ihrer Dokumentationen, "Film in den Dienst der Geschichte" stellen wollte. Trotz alledem geriet Germaine Dulac nach ihrem Tod 1942 weitgehend in Vergessenheit. Nur Spezialisten wussten, dass sie mit der Verfilmung von Antonin Artauds La coquille et le clergyman (Die Muschel und der Kleriker) im Jahr 1927 den ersten surrealistischen Film gedreht hatte, in dem ein Geistlicher auf allen Vieren über Kopfsteinpflaster kriecht. Es war wohl Dulacs schillernde Vielseitigkeit, mit der sie zwischen Theorie und Praxis, Massengeschmack und Avantgarde vermittelte, die ihre Nachfahren irgendwie überforderte. "Der Film hat seine künstlerische Wahrheit. Er hat außerdem seine ökonomische Wahrheit. Die Verbindung der beiden, die sich niemals bekämpfen sollten, kann nur das Publikum aus seiner Kraft herstellen", schreibt Dulac 1931, als sie bereits Präsidentin der französischen Filmclubbewegung ist. Mit solchen Positionen fiel sie seit der Nachkriegszeit durch die Raster einer auf ästhetische und ideologische Lager setzenden Filmgeschichtsschreibung.

Film als Mordfantasie

Tatsächlich ist es von Vorteil, wenn man Dulacs Werk als Einheit betrachtet: Ihre abstrakten Filme gewinnen an Reiz, wenn man ihre theoretischen Überlegungen über das Wesen des Lichts auf Zelluloid oder ihre Abhandlung über die Bedeutung von Filmmusik kennt. Andersherum liest man ihre Schriften über zeitgenössische Filmrezeption mit geschärfter Aufmerksamkeit, weil es sich dabei immer auch um eine interessante Form früher Marktforschung handelte, die den Regiestil der Verfasserin stark beeinflusste. Gerade wegen der eleganten Art, mit der sie zwischen traditionell feindseligen Lagern des Filmgeschäfts vermittelte, wird Dulac nun neu entdeckt. Die vor drei Jahren gegründete Kinothek Asta Nielsen e. V. zeigt Anfang November in Frankfurt am Main und Berlin eine große Dulac-Retrospektive, für die in ganz Europa nach Kopien geforscht wurde, und lädt zu einem Symposion. Es ist jedoch nur der Auftakt zur zukünftigen Arbeit der Kinothek, die, ganz im Sinne Dulacs, ein neues, breites Publikum für vergessene und vernachlässigte Filme gewinnen will.

"Der Film ist ein weit auf das Leben geöffnetes Auge, ein Auge, das mächtiger ist als das unsere, und das sieht, was wir nicht sehen", schrieb Dulac einmal über ihre filmische Erzähltechnik. Damit rückte sie eine Arbeitsweise ins Bewusstsein, die zu Stummfilmzeiten üblich war, die Rezeption dieser Filme für das heutige Publikum aber oft so mühsam macht. Die meisten Regisseure orientierten sich damals eng an den mimischen Ausdrucksformen des Theaters und benutzten die Texttafeln als einziges Mittel, die Handlung voranzutreiben. So dienten die eigentlichen Filmszenen häufig nur zur Illustration dessen, was man zuvor gelesen hatte, während die genuinen Möglichkeiten des "filmischen Auges" kaum zum Einsatz kamen. Dulac hasste diese textlastige Abhängigkeit des Films von der Literatur, von der Bühne und hielt sie für eine frühzeitige "Verbürgerlichung" des Mediums: "Der Film, wie wir ihn gegenwärtig begreifen, ist nur eine Widerspiegelung der anderen Künste. Doch er ist zu wichtig, um bloße Widerspiegelung zu sein. Man muss ihn von seinen Ketten befreien und ihm seine wahre Identität geben." In ihren Schriften zeigt sich Dulac als scharfsinnige Analytikerin solcher Probleme, die zu ihrer Zeit und bis heute eine Weiterentwicklung der Filmsprache erschwerten oder gar verhinderten. So beschrieb sie früh die ökonomischen Überlegungen, die Produzenten, Verleiher und Kinobetreiber zur Wiederholung bereits bewährter Erfolgsrezepte verleiten und sie jeder Art von Experiment und Innovation skeptisch gegenüberstehen lassen. Auf der anderen Seite kritisierte Dulac auch die Position avantgardistischer Kollegen, die im Bestreben um reine, ästhetische Formen ihr Publikum vergaßen und dessen legitime "Vergnügungssucht" völlig ignorierten. In ihrem bekanntesten und möglicherweise besten Film La souriante Madame Beudet (Die lächelnde Madame Beudet, 1922) gelang Dulac eine Synthese, die auch ein heutiges Publikum noch bezaubert.

Madame Beudet (Germaine Dermoz) ist die Gattin eines provinziellen Tuchhändlers, die sich eines Tages weigert, mit ihrem Mann ins Theater zu gehen. Nicht etwa, weil sie eine Kulturbanausin wäre, nein, man sieht, dass Madame gerne liest und Piano spielt. Der Grund ihrer Weigerung ist das Theaterprogramm: Faust wird gegeben, und durch eindeutiges Augenrollen versteht man, dass ihr in diesem Stück vor allem die Figur des Gretchens missfällt, zumal sie bereits ahnt, wie ihr Gatte das dumme Blondchen auf der Bühne angeifern wird. Monsieur Beudet beschließt, auf die Begleitung seiner Frau zu verzichten, nimmt aber als Strafe für ihr aufsässiges Verhalten den Klavierschlüssel mit ins Theater - für Dulac Ausgangspunkt des eigentlichen Filmgeschehens, das sich vor allem im Kopf der Protagonistin abspielt. Die Zuschauer bekommen auf der Leinwand zu sehen, wie sich in Madame Beudet Rachepläne konkretisieren. Mit schnellen Assoziationen und Naheinstellungen von Revolvern wird deutlich, wie die Ehefrau einen imaginären Mord begeht.

Zwar lässt sie es am Ende des Films nicht zum Äußersten kommen, aber die Zuschauer sind zu Mitwissern des ungeheuerlichen Plans geworden.

Mit Cocktails zum Feminismus