Das mächtige AugeSeite 2/2

Zur damaligen Zeit war die Idee, das Innenleben eines Menschen in dieser Form auf die Leinwand zu bringen, noch völlig unbekannt, geradezu revolutionär.

Dulac ermöglichte sich damit den Einsatz vieler filmischer Mittel, die in einer realistischen Handlung unsinnig oder unbegreiflich gewesen wären und bis dahin dem rein künstlerischen Film vorbehalten waren. Mit Unschärfen, extremen Kamerapositionen und Doppelbelichtungen ließ sie ihre Heldin träumen, wie sie den Gatten genüsslich auf viele Arten sterben lässt. In der Möglichkeit, mit assoziativen, bewegten Bildern das Innenleben der Menschen darzustellen, sah Dulac eine der großen zukünftigen Aufgaben des Kinos: "Nicht die Person ist am wichtigsten in einer Szene, sondern die Beziehung der Bilder untereinander, und wie in jeder Kunst ist nicht die äußere Tatsache wirklich interessant, sondern die innere Emanation, eine bestimmte Bewegung von Dingen und Menschen, wie sie durch ihren Seelenzustand hindurchscheint. Ist nicht genau das das Wesen der siebten Kunst?"

Immer wieder geht es in den von Dulac bebilderten Innenwelten um Ausbruchsfantasien von Frauen, die auf den ersten Blick unauffällig, wie angepasste graue Mäuse wirken. In L'invitation au voyage zum Beispiel besucht eine Frau ganz allein eine Bar. Sie trinkt ein paar Cocktails und lässt sich, inspiriert vom Interieur, auf eine erotische Südseereise entführen, die aber eigentlich nur ein Rausch ist. Dulac selbst ließ es allerdings nicht bei solchen privatfeministischen Visionen bewenden. Indem sie ihren Ehemann verließ, ein Salonleben führte, durch die Welt reiste und sich ihr cineastisches Handwerk selbst aneignete, gelang ihr letztlich auch im eigenen Leben die Zusammenführung von Theorie und Praxis.

Mehr Information zu den

Dulac-Veranstaltungen:

www.zeit.de/2002/45/dulac

 
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