Washington - Über den amerikanischen Präsidenten sind zwei groteske Zerrbilder in Umlauf.

Das erste haben seine Kritiker gezeichnet. In deren Skizze erscheint George W. Bush als etwas grobschlächtige Figur, ehrlich und eindimensional, asketisch und antiintellektuell, glaubensgewiss und lenkbar. Ein Mann ohne Analysekraft und ohne Visionen. Ein Fliegengewicht, das leichte Beute der demokratischen Opposition wird, sobald der Krieg gegen den Terror aus den Schlagzeilen verschwindet.

Neben diesem Holzschnitt hängt im öffentlichen Raum Amerikas ein Selbstbildnis. Der Präsident und seine Helfer malen seit zwei Jahren mit zärtlichem Pinselstrich daran. In jenem Porträt ist ein einfacher Mann aus dem Volke zu sehen, der sich als Präsident über das Gezänk der Parteien erhebt und mit gesundem Menschenverstand tut, was der Nation in Zeiten der Bedrohung nützt.

Bislang mögen die Amerikaner das Heiligenbild in Öl. Es kommt an, wenn Bush seinen Landsleuten zuruft, sie sollten "niemals zuerst als Republikaner oder Demokraten handeln, sondern immer als Amerikaner". Er, Bush, habe "einen neuen Ton in Washington" eingeführt, jenen des Respekts voreinander er gehe auf die Opposition zu, um seine Vorhaben im Geiste des Kompromisses und im Dienste der nationalen Wohlfahrt durchzusetzen. Doch leider treffe er bisweilen auf Leute, die sich nur dem eigenen Vorteil verpflichtet fühlten und deshalb wichtige Gesetze blockierten.

Es ist faszinierend zu sehen, wie sich dieser Klangteppich aus Gemeinwohl-Rhetorik übers ganze Land legt. Denn in Wahrheit ist Bushs Innenpolitik eine gewaltige Operation mit parteipolitischen Zielen, generalstabsmäßig geplant und diszipliniert exekutiert. Wahrscheinlich hat Amerika seit Jahrzehnten keinen derart parteilich kalkulierenden Präsidenten mehr erlebt. "Gegen George W. Bush", sagt Thomas E. Mann, der seit Jahren die Präsidentschaft aus der Brookings Institution beobachtet, "war sogar Bill Clinton ein Waisenknabe." Im Weißen Haus fällt praktisch keine innenpolitische Entscheidung - ob über Stammzellforschung, Agrarsubventionen oder Börsenaufsicht -, ohne dass Bushs wichtigster Wahlkampfberater, Karl Rove, seinen Segen dazu gegeben hätte.

Bush sieht sich als Erbe Reagans

Wenn kommenden Dienstag ein Teil des Kongresses neu gewählt wird, ist das Weiße Haus zwei Wochen lang fast präsidentenfrei gewesen. Der Chef befindet sich im Wahlkampf. Das haben schon andere Amtsinhaber vor Bush getan. Aber keiner so lange. Und keiner hat so viel Geld für den Wahlkampf gesammelt. Es geht um viel, natürlich. Nämlich darum, ob Bush künftig die ganze Macht hat oder bloß die halbe. Erhalten die Republikaner auch nur einen einzigen Senatorensitz zusätzlich, haben sie die Mehrheit in beiden Häusern zurückgewonnen.