Um die britischen Konservativen steht es bei weitem schlechter als um die CDU

sie sind wirklich, wie das für Unionsleute noch ungewohnte Angstwort lautet, "kulturell marginalisiert". Aus Margaret Thatchers Ära haben die Tories das Image sozialer Herzlosigkeit behalten, seit dem Machtverlust ist der Eindruck nostalgischer Weltfremdheit hinzugekommen. Abhilfe versprechen sich die einen von mehr weiblichen, schwulen oder eingewanderten Kandidaten

die anderen halten das für verächtliche Zeitgeistbeflissenheit. Es geht also ähnlich zu wie zwischen Jürgen Rüttgers und Jörg Schönbohm, nur viel farbiger und verzweifelter.

Der frühere Unterhausabgeordnete und heutige Times-Kolumnist Matthew Parris hat dazu kürzlich einen Gedanken beigesteuert, der auch für deutsche Christdemokraten von Interesse sein könnte. Das eigentliche Problem der Konservativen, so Parris, sind nicht die weißen heterosexuellen älteren Herren, die nun proporzmäßig durch etwas Bunteres aufgemischt werden müssten.

Das Hauptproblem ist ein Parteimilieu, in dem überhaupt keine persönlich talentierten, beruflich erfolgreichen und menschlich normalen Leute mehr zum Zuge kommen, ganz gleich, welchen Geschlechts oder welcher Lebensform.

Das klingt zunächst wie der übliche Ruf nach "Quereinsteigern". Aber die Sache hat eine besondere Pointe. Für die Konservativen wäre der Quereinsteiger nämlich gar nichts unerhört Neues, sondern eine Rückkehr zu ihren Wurzeln. Es geht, wie Parris feststellt, um nichts anderes als um eine zeitgemäße Wiederentdeckung des Gentlemans. Er, und nicht der Parteiprofi, ist von Hause aus die Ideal- und Schlüsselfigur konservativer Politik. Nur dass damit heute natürlich auch Frauen gemeint wären und Standesgesichtspunkte dem Leistungsprinzip zu weichen hätten.

Statt "Gentleman" müsste es in Deutschland "Bürger" heißen, im Übrigen lässt sich der Gedanke mühelos übertragen. Bürgerliche Politik war ursprünglich etwas Amateurhaftes, eine Nebenbeschäftigung für Anwälte, Kaufleute oder Professoren, die sich für die öffentlichen Angelegenheiten mitverantwortlich fühlten. Die Partei in ihrer modernen Form dagegen, als straffe Organisation, Seelenheimat und Karriereschmiede, ist ein Produkt der Arbeiterbewegung, ein Seitenzweig des Gewerkschaftswesens.