Wie gehen die türkischen Parlamentswahlen am 3. November aus, Herr Cüneyt Ülsever? Die Prognose des renommierten politischen Kommentators lautet so: "Ein Bektaschi degustiert zwei Weine, denn Bektaschis dürfen Alkohol trinken, obwohl sie Muslime sind. Er nippt am ersten Glas und zeigt auf das zweite: 'Das ist der bessere.' - 'Woher wissen Sie das, Effendi?' - 'Kein Wein', sagt der Bektaschi und hält das erste Glas hoch, ,kann schlechter sein als dieser.'"

Die Türkei steht vor einer Revolution ihres Parteiensystems. Denn die meisten Wähler denken: Keine Partei kann schlechter sein als jene, die derzeit im Parlament vertreten sind. Deshalb werden sie sich, meinen die Demoskopen, bei der Abstimmung am Sonntag von den Hauptfiguren der jetzigen und früheren Regierungen verabschieden: von Premier Bülent Ecevit, seinem Vize Mesut Yilmaz und von Exministerpräsidentin Tansu Çiller. Ihre Parteien werden die 10-Prozent-Hürde wohl nicht überspringen. Das ist ärgerlich für sie, war doch diese Parlamentsbarriere nur aufgerichtet wprden, um der kurdischen Partei Dehap den Einzug zu versperren.

Wer also schafft jetzt den Sprung? Nach den Umfragen führt die islamische AK-Partei von Recep Tayyip Erdogan

sie könnte auf 30 Prozent kommen. Ihr folgt die Republikanische Volkspartei CHP mit 15 bis 20 Prozent, schließlich die Junge Partei GP mit 10 bis 14 Prozent. Letzteres ist die eigentlich schlechte Nachricht.

Ihr Anführer, der Finanzjongleur und Medien-Tycoon Cem Uzan, hält mindestens drei Wahlveranstaltungen am Tag ab. In den armen Gegenden des Ostens und Südostens kommen Zehntausende. Allerdings nicht wegen der GP oder Uzan, sondern wegen der von ihm gut bezahlten Popsänger und der anschließenden Massenspeisung. Der 42-Jährige garniert seine Reden mit Fleisch, Reis und Süßspeisen, das ist im türkischen Osten ein Festmahl. Derweil kämpft er auf der Bühne, schweißnass das offene Hemd, die Haare aufgegelt. "Die Steuern werden radikal gekürzt", donnert Uzan, "Medizin und Lebensmittel müssen steuerfrei sein!" Dafür will er die Zahl der Universitäten vervierfachen. Der Währungsfonds soll sich davonscheren, Ausländern dürfe man nicht das Land überlassen. "Wollt ihr das?", schreit er und erntet das zufriedene Grunzen der löffelnden Masse.

Wen Uzan nicht persönlich erreicht, dem schickt er über seine in Amerika hoch verschuldete Mobilfunkfirma Telsim SMS-Meldungen: "Jeder bekommt ein Grundstück und einen staatlichen Sofortkredit!" Auf seinen Fernsehkanälen wirbt er in der Pause der Fußball-Champions-League für sein "Parteiprogramm".

Dieser Möchtegern-Berlusconi droht über die nächste Regierung mit zu entscheiden. Dann nämlich, wenn die AK-Partei die absolute Mehrheit verfehlt.