Manchmal wird "DeKay" richtig nervös, wenn er sich in die Küche stiehlt und das Gefrierfach öffnet. Ganz vorsichtig greift er dann hinein und holt das Stromkabel für seine Stereoanlage heraus. Bloß keine Fehler jetzt. Der Weg zum Wohnzimmer ist voller Gefahren und Hindernisse. Ganz langsam muss das Kabel auftauen, und es darf dabei nicht viel bewegt werden.

Hinzu kommt diese krankmachende Ungewissheit. "Werden die Lötstellen brechen?", haben sie kürzlich besorgt in DeKays Lieblings-Newsgroup im Internet diskutiert, im Cable-Asylum, das wörtlich übersetzt "Kabel-Irrenhaus" heißt und unter www.audioasylum.com/audio/cables zu finden ist. "Keine Sorge", haben "Frosty" und "Gregory" seinerzeit auf die Lötstellen-Anfrage geantwortet. Da gebe es einen Typen, der habe seine Lautsprecher komplett eingefroren.

DeKay ist natürlich ein "Audiophiler". Ein ergebener Sklave seiner Gehörgänge. Einer, der auf der Suche nach der richtigen Vibration für CD-Spieler, Boxen und dämpfende Geleefüße so viel ausgibt wie andere für ihr Sommerhäuschen. Und natürlich weiß DeKay alles über den neuesten Aufruhr in seinem Irrenhaus. Da haben doch die Hersteller von Hifi-Monsteranlagen mit ihren Geräten jahrelang alberne, dünne, gewöhnliche Stromkäbelchen ausgeliefert. Aus Kupferdraht und PVC! Wie andere sie von ihren Toastern kennen. Wie, bitte schön, soll das klingen?

Zum Glück eilen Audiophilen wie DeKay stets qualifizierte Retter zu Hilfe. Im konkreten Fall: eilig gegründete Spezialfirmen zur Herstellung audiophiler Stromkabel. Nach dem Master Power Coupler (250 Euro) der Pionierfirma Synergistic Research reichen die Angebote neuerdings von der armdicken King Cobra (2400 Euro) bis zur Dschingis-Khan-Kordel der Firma Electraglide mit "handpolierten Silberkontakten" (4600 Euro). Von Kabeln, gefüllt mit Wasser, bis zu Kabeln, angereichert mit radioaktivem Abfall. Von Kabeln mit Magneten ringsherum bis zu Kabeln mit Lämpchen. Von Kabeln zum Selber-Einfrieren bis zu vorgefrorenen Kabeln aus der Nitrogentruhe.

Nun kann eigentlich niemand in der Szene so recht erklären, warum teure Stromkabel den Klang verbessern. Wo der Strom ja schon kilometerweit durch ganz billige Kabel vom Kraftwerk bis zur Wohnzimmersteckdose geflossen ist.

Aber alle berichten, dass die Sache funktioniert. Und kommt es nicht immer auf die letzten Meter an? Die Firma Harmonic Technology bringt es in ihrem Verkaufsprospekt auf den Punkt: "Nicht mal Physiker wissen genau, wie Elektronen durch ein Kabel wandern."

Doch aufgehorcht: Im Cable Asylum ist die Debatte schon weiter. "Überwiegend sind es gar nicht die Stromkabel", verrät der Asylum-Moderator John Risch im Gespräch mit der ZEIT, "es sind die Stecker." Die Kontakte vorn und hinten seien vielleicht gar mehr für den Klang verantwortlich als der Strang in der Mitte. "Welche Marke von Stromsteckern klingt am besten", fragte da kürzlich "ChrisVH" im Asylum und erntete Hunderte von Antworten. Es geht um Nickel versus Zink, Silberlötzinn kontra Kupferlötzinn, Schrauben gegen Klammern. Es geht um "die Genesis des audiophilen Wattgate-Steckers" (90 Euro) und der passenden Wandbuchse (180 Euro ohne Platin).