Wer tritt hier auf, Straftäter oder Star? Boris Becker erscheint im Sitzungssaal A 101 des Landgerichts München I, und die Hundertschaft der Fotografen springt auf Stühle und Tische. Verteidigung und Staatsanwaltschaft halten sich im Hintergrund. Das scheint der ihnen angemessene Ort zu sein - jetzt ist die Stunde des Angeklagten. Der hält sich keine Tasche vors Gesicht und hat auch den Mantelkragen nicht schamvoll hochgeschlagen, sondern tritt - angetan mit einem silbergrauen Anzug - ins Zentrum des Interesses. Dann beginnt er sich zu drehen. Schweigend, begleitet nur vom Geflüster und Geraune aus den Zuschauerrängen, kreist er im Blitzlichtgewitter minutenlang um sich selbst, sich von allen Seiten präsentierend. Die wortlose Szene verströmt etwas Eitles und Trauriges zugleich. Das Eitle eines Narziss, der sich im Auge des Betrachters spiegelt. Das Traurige eines Tanzbären, der den Ring durch die Nase spürt.

Erst als die Richter - vorneweg in die Kameras lächelnd die 54-jährige Vorsitzende Huberta Knöringer - den Saal betreten, drücken Justizwachtmeister die Meute der Fotografen durch die Tür hinaus. Becker blickt ihnen nach, bis hinter dem letzten die Tür zufällt, dann erst nimmt er, flankiert von seinen Verteidigern, auf der Anklagebank Platz.

Es beginnt die Hauptverhandlung gegen den ehemaligen Tennisprofi Boris Becker, die schon am nächsten Tag zu Ende sein wird. Der Staatsanwalt, der sich durch eine farbenfrohe Dame von der Steuerfahndung unterstützt sieht, verliest die Anklageschrift: Becker wird vorgeworfen, dem Fiskus in den 1993 und 1994 von ihm abgegebenen Steuererklärungen verschwiegen zu haben, dass er Anfang der neunziger Jahre in München einen Wohnsitz hatte. Auf diese Weise soll er insgesamt 3 406 099 Mark Einkommen- und Vermögensteuer hinterzogen haben. Dazu kommt der Versuch der Hinterziehung von insgesamt 970 353 Mark Einkommen- und Vermögensteuer in den Steuererklärungen von 1995.

1984 sei Becker nach Monaco umgezogen, um der Besteuerung in Deutschland zu entkommen, habe aber 1991 heimlich wieder eine Wohnung in München genommen.

Dort habe er sich weit häufiger aufgehalten als in Monte Carlo, wo er gemeldet war. Da ihm das Verbotene seines Tuns sehr wohl bewusst war, hätten seine Eltern den Münchner Mietvertrag unterschrieben.

Nun hat der Angeklagte das Wort. Erzählt, er sei 1984 vor allem nach Monaco übergesiedelt, um seinem Manager Ion Tiriac nahe zu sein und besser trainieren zu können. 45 Wochen im Jahr unterwegs, ein Büro rund um die Welt, das Wort Zuhause gab es kaum. Es habe hin und wieder eine Lebensbegleiterin gegeben (Gekicher bei der Presse), aber 1991 habe er seine spätere Frau Barbara kennen gelernt, weshalb es ihn verstärkt nach München gezogen habe. Seit 1994 sei er in München gemeldet und zahle hier seine Steuern.

Becker sei als Werbe- und Sympathieträger aktiv, sagt der Anwalt Die Vorsitzende will wissen, was Becker derzeit so macht. Das eine oder andere Tennismatch könne es doch wohl nicht sein. Man höre ja von dieser und jener Firma. Nun springt der Anwalt Jörg Weigell ein: Becker sei als Werbe- und Symathieträger aktiv. Der Internet-Provider AOL und der Autokonzern DaimlerChrysler hätten Becker unter Vertrag. Was Becker dabei verdient, will Weigell nicht sagen: Die Verträge unterlägen strenger Verschwiegenheitspflicht.