Sollte etwa Brüssel - und nicht Rom, Maastricht, Amsterdam oder Nizza - dereinst für Europas Zukunft stehen, dieses Monstrum, das noch jede hehre Fantasie verschlang? Warum nicht, schließlich kommt es nur darauf an, wofür dieses "Brüssel" steht. Seit vergangenem Montag meint es den großartigen Entwurf einer ersten Verfassung für Europa.

Kurz und dunkel müsse eine brauchbare Verfassung sein, soll einst der große Manipulator Talleyrand empfohlen haben. Was sein Landsmann Valéry Giscard d'Estaing jetzt in Brüssel präsentierte, war kurz und klar. Würde der Konvent zur Zukunft Europas morgen auseinander stieben, was keiner wünscht, von seiner achtmonatigen Arbeit blieben diese 18 Seiten, diese 46 Artikel, die weit mehr sind als nur ein "Vorentwurf". Von Giscards "Skelett" sprechen die einen, was nicht anzüglich gemeint ist

der Vorsitzende selbst redet von der Architektur für eine künftige Verfassung.

Glückwunsch: Als der Konvent im Februar seine Arbeit aufnahm, war das Wort "Verfassung" verpönt und klang selbst Giscards Rede vom Verfassungsvertrag keck. Heute führen selbst die Briten das V-Wort im Munde. Am Anfang unvorstellbar war etwa die EU als Rechtspersönlichkeit, ermächtigt, auf der Weltbühne eigenständig zu agieren und zu signieren, zum Beispiel die Europäische Menschenrechtskonvention, die bislang nur Mitgliedsstaaten der Union unterschreiben durften. Undenkbar auch, die alten Verträge von Rom bis Nizza aufzuheben, eine Aufhebung ganz im Hegelschen Sinn, die vernichtet, was sie zu neuen Höhen führen will.

Und jetzt steht das alles da, kurz und klar. Wer ist diese Europäische Union?, fragt der Entwurf. Was will sie, was darf sie wollen

was soll sie tun und was lassen? Was gilt in ihr der Unionsbürger, auf welche Institutionen will die EU sich stützen und dabei demokratisch(er) werden? Wie erwirbt ein Staat die Mitgliedschaft, auf welche Weise wird die Union - ein Novum im EU-Denken - ihn wieder los? Und: Wie kündigt künftig ein Mitglied dem "Club"? Der Umgang der Union mit den eigenen Finanzen, den nächsten Nachbarn und mit der eigenen Rolle in der Welt: lauter klare, knappe Fragen.

Sie werden in den nächsten Wochen kontrovers debattiert werden.