Wenn der Mensch nichts zählt, weil Allah alles ist, wenn Rachdurst den Lebenshunger übersteigt, in solchen Zeiten klettern Theaterleute gern in die Schreckenskammern der Dramatik und holen Schaudermären von Meuchelmord und Blutrausch, vom Völkerschlachten und Jungfrauenschänden hervor ans Tageslicht. Für den gehobenen Diskurs empfiehlt sich gern Dantons Tod von Büchner, für Regieberserker Grabbes Theodor von Gothland (auch sein Napoleon übrigens)

und alle, die das Menschenschlachthaus nur noch komisch finden, beugen sich über Shakespeares "höchst beklagenswerte römische Tragödie von Titus Andronicus".

Nun maßen gleich zwei Münchner Bühnen Kräfte und Fantasie an diesem Text, als wollten Rivalen um Kaiserthron und Publikumsgunst fechten - und damit beginnt ja auch Titus Andronicus. Damit, dass Feldherr Titus nach abermals siegreichem Krieg heimkehrt nach Rom, wo sich die beiden Kaisersöhne um die Nachfolge zanken. Das Volk und Titus' Bruder Markus aber wollen den Feldherrn als Imperator. Der freilich ist müd, mag nicht regieren und reicht die Krone an des Kaisers Ältesten, Saturnin, übergibt ihm auch gleich die gefangnen Goten samt ihrer Königin Tamora, deren Sohn er noch rasch als Sühneopfer zerhacken lässt - und von jetzt an reißt das Mahlwerk einen nach dem andern, ricke, racke, in den Todesschlund: Söhne, Töchter purzeln in Schwerter, Dolche, Stricke

abgehackte Hände, ausgedärmte Leiber, hier eine Fallgrube, dort ein Verrat, niemand weiß noch, worum es geht, weil Rache blind ist und blind macht, weil sie das Spielwerk eines Perversen ist: hier des Mohren Aaron, der in lüsternem Verbund mit seiner Herrin Tamora nichts als Zerstörung sinnt.

Man könne, meinte der Regisseur im Residenztheater, Elmar Goerden, das Stück "als Skurrilität nehmen, da fließen dann aber 80 Hektoliter Blut", oder man könne es stilisieren, also dezent ausstellen

oder, sagte Goerden, man arbeite die "Unwuchten, das Nichtzueinanderpassen" heraus.

Vernünftigerweise mixte er dann die Alternativen, beschied sich freilich mit ein paar Litern Blut und ließ sich von seinen Bühnenbildnern Silvia Merlo/Ulf Stengl einen kargen Kasten bauen, dessen liddrige Seitenwände, halb hoch und mit Türen und offnen Gassen hinten versehen, das Blutgerüst sind, weshalb ihre Farben vom milden Anfangsblau über ein ungesundes Grüngelb endlich zu Rosarot und moribundem Lila wechseln. Ein stilisierender Guckkasten, in halber Höhe schaun hinten manchmal Volk und Senatoren, über Brüstungsbalken gebeugt, den Irren zu bei ihrem Räuberschach.