Bevor sie am Ende geschlossen wird, bevor im Foyer der Deutschen Oper Erotikmessen und Sonderverkaufsveranstaltungen zur Sanierung des Berliner Haushalts stattfinden, habe ich sie noch einmal besucht. Es war ein wunderbarer Abend. Ich sah fliederfarbene Hemden und Krawatten mit Weizenbierglasmuster. Ich liebe die Deutsche Oper Berlin, das Haus mit der nach dem Krieg neu gebauten Waschbetonfassade. Ich verstehe Besucher, die sich dort an ein nordrhein-westfälisches Oberstufenzentrum erinnert fühlen, es geht mir nicht anders. Trotzdem, ich liebe das Haus. Steinigt mich, werft Waschbetonbrocken auf mich, meinetwegen könnte die Staatsoper unter den Linden und all ihr falscher DDR-Stuckkitsch zum soundsovielten Mal abbrennen.

Oder, wie es wahrscheinlich bald geschehen muss, wegen Baufälligkeit geschlossen werden.

An dem Abend, den ich kurz vor ihrem neunzigsten Geburtstag in der Deutschen Oper verbrachte, sah ich weiße Blusen über langen, wild gemusterten Röcken, gealterte Lederhosenschwule und grün glitzernde Paillettenoberteile, die wie die Schuppen geheimnisvoller Unterwasserwesen blitzten. Vielleicht, dachte ich, ist dieses Haus ja schon lange untergegangen. Und spielt unter Wasser weiter. Ich sah eine grundsolide, niemanden überfordernde Aufführung, das angenehmste Jaulen der Welt drang durch den Waschbetonbau. Und auf meinem Klappsitz im getäfelten Saal geriet ich in das sich drehende Musikschwindelgefühl, Schauer liefen mir über den Rücken, ich hob ab und schwebte bis unter die Decke. Und ich schwöre, ich hatte keine Drogen genommen.

Oper, sagt meine älteste Tante, Oper sei der schönste denkbare Wahnsinn. Und für einen zusammengerechnet vielleicht nur sieben, acht oder neun Minuten dauernden totalen Gefühlswahnsinn, dafür, dass die Musik bei einem sonst normal funktionierenden Menschen solche Gefühle erzeugen könne, dafür lohne der ganze Aufwand, dass Hunderte, manchmal Tausende Menschen zusammen arbeiten, sich doch allemal. Ja, vielleicht ist das der Luxus, den eine Gesellschaft braucht, dachte ich, ohne rechten Halt unter der Decke paddelnd.

Ich erlebte einen der seltenen kunstwahnsinnigen Augenblicke, in dem auf einmal alles still steht und man sich fragt, warum eigentlich nicht alle Menschen immer singen.

Ich sank schon wieder, da fiel mir ein, dass ich an einem der ersten Abende in diesem Haus, an die ich mich erinnere, 1979 oder 1980, ausgerechnet Den Untergang der Titanic von Wilhelm Dieter Siebert miterlebte. Hat am Ende vielleicht auch die Deutsche Oper, sie ist jetzt fast so alt wie meine älteste Tante, der es auch nicht mehr so gut geht, einen Eisberg gerammt?, fragte ich mich. Ist Kapitän Zimmermann, der Intendant, nicht schon von Bord?

Und in einem kurzen Angsttraum, ich saß wieder sicher unten im Parkett, sah ich plötzlich die California Dream Men ihre Tangas auf der Bühne lüften. Mein kunstwahnsinniger Augenblick, aber ich war mir dann doch nicht so sicher, war vorbei.