Wenn Herr Schönbohm es für richtig hält, von der Türkei "die Erfüllung der Aufnahmebedingungen zu fordern", dann hätte er den Artikel nach der Lektüre des Jahresberichts 2002 von amnesty international, der die Vielzahl der Menschenrechtsverletzungen des Jahres 2001 aufzeigt, hoffentlich nicht geschrieben.

In der Zusammenfassung der Ermittlungen von ai-Vertretern vor Ort heißt es unter anderem: Tausende von Gefangenen wurden in Isolationshaft gehalten. Der Druck auf Menschenrechtsverteidiger nahm weiter zu. Sie wurden schikaniert, festgenommen, mit dem Tode bedroht und strafrechtlich verfolgt. Journalisten, Schriftsteller, Gewerkschafter, Politiker wurden inhaftiert. Folterungen im Polizeigewahrsam waren nach wie vor weit verbreitet. Zwei kurdische Politiker "verschwanden" im Gewahrsam der Gendarmerie. Es liegen zahlreiche Meldungen über politische Morde vor. Viele Frauen, überwiegend Kurdinnen, wurden im Polizeigewahrsam vergewaltigt oder sexuell missbraucht. Die Täter gehen fast immer straflos aus.

Solange die Türkei es bei der Verwirklichung der Menschenrechte bei Lippenbekenntnissen belässt, erfüllt sie die Aufnahmebedingungen der EU nicht, und es handelt sich auch nicht darum "immer neue Vorwände zu finden, um die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei auf den Sankt-Nimmerleins-Tag hinauszuschieben".

Sven Herfurth, Bargteheide