Wie viele Leitartikler kommt Josef Joffe zu dem einleuchtenden Schluss, dass der Kampf gegen den Terrorismus nur von einem breiten Bündnis der Demokraten gewonnen werden kann. Aber leider krankt seine Beweisführung an einem nur allzu verbreiteten Trugschluss.

Der Terrorist wolle, so heißt es, "die Opfer nicht für ihr Tun, sondern für ihr Sein strafen, weil sie Amerikaner, Juden oder Westler sind". Zwar ist es wahr, dass dem islamistischen Terror weder die Trennung von Kirche und Staat noch die Freiheit der Frau passen. Aber sind das Kriterien westlichen Seins oder nicht vielmehr Ergebnisse zivilisatorischer Entwicklung, also menschlicher Entscheidungen, menschlichen Tuns?

Die gezielten Anschläge richten sich nun einmal nicht nur gegen die Errungenschaften eines besonderen geschichtlichen Prozesses, sondern auch ausdrücklich gegen westliche Dekadenz, die im Verhalten von Menschen zum Ausdruck kommt und sich in der politischen Praxis widerspiegelt.

Wie sieht diese politische Praxis aus, die auf der viel beschworenen westlichen Wertegemeinschaft, also auf christlich-abendländischen Grundlagen beruht? Wie verhält sie sich gegenüber dem unbarmherzigen Hunger in der Welt, dem täglich viele Tausende, vor allem Kinder, zum Opfer fallen? Der globale Hungerbericht der FAO, der gerade jetzt erschienen ist, beweist das ganze Versagen der satten Menschen im reichen Westen ebenso wie das ungelöste Problem der blutigen Wirklichkeit in Palästina.

Es ist also nicht unser bloßes "Sein", das den Terror anstachelt, sondern unser "Tun" beziehungsweise Nichttun! Dessen sollte man sich heute stets bewusst bleiben.

Prof. Hermann Beck Hof/Saale