Die Geisel Natalja Skopzowa sprach über Handy mit dem Radiosender Echo Moskwy. Das war am Samstag, gegen 5.30 Uhr in der Frühe. "Wir hoffen sehr, dass wir nicht auf der Kursk sind", sagte sie. Seit zehn Minuten drang Gas in den Zuschauerraum des Theaters. Natalja Skopzowa, hieß es am Dienstag, hat den Angriff überlebt. Ihr Vergleich zwischen der Erstürmung des Musical-Theaters und dem Untergang des U-Boots mit dem Verlust seiner gesamten Besatzung von 118 Mann spricht Bände.

Die Explosionswellen aus der Torpedosektion der Kursk hatten Russland im August 2000 ebenso erschüttert wie jetzt die Geiselnahme in Moskau. Sie prägten sich ins nationale Gedächtnis ein. Wie damals zeigt sich jetzt wieder die Gefühlskälte der Elite. Wegen der unnötigen Geheimnistuerei gibt es kein erleichtertes Aufatmen. Vielmehr bahnt sich ein neues Drama an. Doch ein großer Teil der Öffentlichkeit ist überzeugt, durch die Aktion der Spezialeinheiten Alpha und Wympel einen Sieg errungen zu haben. Dem Gefühl der Unfähigkeit, das nach dem Unfall der Kursk Russland demütigte, steht nun das Gefühl der Heldentat zur Verteidigung des Vaterlandes gegenüber. Zwecks psychologischer Wehrkraftstärkung strahlt das Fernsehen auch noch Schwarzweißfilme über den Zweiten Weltkrieg aus. Die Terroristen haben Russland zu einem gefährlichen Triumph verholfen.

Schon bald nach den ersten Kontakten mit den Geiselnehmern hatte sich abgezeichnet, dass freies Geleit nicht infrage kam. Zwar stand auf dem Flughafen Scheremetjewo eine Iljuschin-62 startbereit. Doch die Tschetschenen misstrauten den Russen. Und die Vermittlung durch das Rote Kreuz oder den Roten Halbmond wurde von beiden Seiten abgelehnt. Währenddessen erkundeten Spezialagenten mithilfe der Moskauer "Digger", die in ihrer Freizeit wie Höhlenmenschen die Unterwelt der Stadt durchkriechen, das Kanalsystem unterhalb des Theaters. Den Plan für einen Angriff aus der Erde durch in das Fundament gesprengte Löcher verwarfen die Spezialisten. Sie konnten nun aber hören, was im Theater geschah, konnten orten, wo sich die Geiselnehmer aufhielten.

Manche Terroristen werden mit Genickschuss getötet

Die Verantwortlichen für den Sturm des Theatersaals rechneten mit höchstens 300 Opfern. Sie sahen die Aktion als gerechtfertigt an, wenn 400 Menschenleben gerettet würden. Das Risiko, dass die Explosion von Sprengsätzen das Dach der Halle einstürzen lassen würde, nahmen sie bewusst in Kauf.

Nachdem die Terroristen begonnen hatten, auf die Geiseln zu schießen, fingen die Einsatzkräfte an, Gas durch die Ventilationsschächte ins Theater zu leiten. Das war um 5.17 Uhr. Kurz darauf stürmen die Spezialeinheiten das Gebäude. Sie setzen auf den Überraschungseffekt, auf Blendgranaten und Sprengkörper, die das Gehör betäuben. Am linken Arm tragen sie weiße Bänder, um sich im Durcheinander des Gefechts nicht gegenseitig zu beschießen. Die erste Gruppe setzt Gasmasken auf. Scharfschützen liquidieren die Terroristen.

Manche werden mit aufgesetzten Genickschüssen getötet. Im zweiten Stockwerk trifft eine Kugel den Wortführer der Geiselnehmer, Mowsar Barajew, tödlich.