Die Brüsseler Gemeinschaft hat sich ständig vertieft und erweitert. Wir haben den einheitlichen Binnenmarkt, das Schengen-Abkommen, das in 13 EU-Staaten den Menschen Zoll- und Passkontrollen erspart, den Euro, obendrein Ansätze zu einer europäischen Armee. Und nun liegt - wer hätte noch vor zwei Jahren davon zu träumen gewagt! - der Vorentwurf einer EU-Verfassung auf dem Tisch. Im Laufe des nächsten Jahres wird der Europäische Konvent daraus eine regelrechte Verfassung schmieden.

Noch ist der Entwurf, den der Konventspräsident Giscard d'Estaing vorgelegt hat, nicht mehr als ein Gliederungsvorschlag: 46 Artikel, dazu ein Abschlusskapitel. Was konkret darin stehen soll, muss jetzt erst ausgehandelt werden. Das wird harte Arbeit, und es wird dabei einige Reibungshitze entstehen. Am Ende müssen die Staats- und Regierungschefs zustimmen, und auch die Völker werden mitreden wollen.

Bislang steht erst das Gerüst, das eigentliche Bauwerk muss nun entworfen werden. Doch hat Giscard einige bemerkenswerte Anregungen gegeben. Das fängt beim Namen an: Europäische Gemeinschaft, Europäische Union, Vereinigte Staaten von Europa oder Vereintes Europa stellt er zur Auswahl. Sein Ziel ist ein plurales, aber koordiniertes Gebilde; eine Union mit einem gewählten Präsidenten (wobei noch offen ist, wer ihn wählt und wo er angesiedelt wird, bei der Kommission oder beim Ministerrat); eine Wertegemeinschaft. Dieses Gebilde wird beschrieben als "eine Union europäischer Staaten unter Wahrung ihrer nationalen Identität, die ihre Politiken auf europäischer Ebene eng abstimmen und die nach föderalem Modus bestimmte gemeinsame Zuständigkeiten wahrnehmen."