K I N O Der Himmel ist ein Kino
Douglas Wolfspergers skurriler Dokumentarfilm "Bellaria"
Foto: Salzgeber & Co Media GmbH
Nun geht es in diesem Film aber keineswegs um die Einbalsamierung einer kakanischen Idylle, die sich vom nächsten Kaffeehaus zufällig ins Kino um die Ecke verlagert hat. Denn das Bellaria steht, wie gesagt, in Wien, einer Stadt, in der sich über jede noch so zarte Idyllenanmutung augenblicklich der Schleier des Morbiden legt. Hat sich die Kamera erst einmal in den Wohnungen der Kinogänger eingerichtet, steigt allerlei Interessantes aus den Sedimenten und Devotionalienkammern empor. Mit beiläufigem Tonfall erzählt eine der freundlichen Damen, wie froh sie über den Tod ihres unausstehlichen Ehemannes sei. Der irgendwie geschlechtsneutrale Filmvorführer berichtet von seiner Impotenz und vertritt eine Evolutionstheorie, die das männliche Sexualverhalten durch den Sonneneinfluss erklärt und phänomenologisch mit dem Stampfen einer Diesellock gleichsetzt. Überhaupt profitiert Wolfspergers Film von einer typisch wienerischen Eigenschaft, die Friedrich Torberg in einer seiner Geschichten "das Streben nach Verallgemeinerung situationsbedingter Erkenntnisse" genannt hat. Denn natürlich redet Herr Weizmann, der mit seiner Mutter 40 Jahre lang in quasi inzestuöser Gefühlsseligkeit zusammengelebt hat, ein wenig anders von "den Frauen" als Herr Mosch, dem die Kamera dabei zusieht, wie er freudig erregt die Fußnägel einer befreundeten Stammbesucherin schneidet.
Im Bellaria ist die Kinovorführung vor allem Anlass zur anderen, eigentlichen Vorstellung, das wird bereits am Anfang klar, wenn sich die Siebzig- und Achtzigjährigen vor dem heimischen Spiegel zur Nachmittagsvorstellung aufbrezeln, Goldknöpfe zurechtnesteln, an Jägerhütchen und Koteletten zupfen. Tatsächlich ist der Aufmarsch im Foyer eine kleine Nummernrevue, in der jeder seine Lieblingsrolle spielt: Herr Weizmann gibt mit Pferdeschwanz und Lederweste den ewigen Jüngling, Baroness Lips von Lipstrill, die früher mal beim Varieté war, spielt die Diva mit Sonnenbrille und Boa, während sich andere Damen mit der Statistenrolle des Persianermütterchens begnügen. Später, im Dunkeln, wenn die Leander auf der Leinwand den Liebestod stirbt oder die Rökk auf Offiziersbällen mal wieder ihren Csárdás tanzt, sind sowieso wieder alle gleich.
Die Gegenwart ist eh grausig
Was genau die energische Truppe in das kleine Schachtelkino hinter dem Volkstheater zieht, ist nicht so einfach zu sagen, zu sehr scheint das Projektorengeratter mit dem Rhythmus der eigenen Existenz verschmolzen. Das Kino als Wunschmaschine, in der man jeden Tag die Zeit anhalten und noch einmal die Erinnerungen der eigenen Jugend durchleben kann? Bei Vera Benda, die seit Jahren von Konserven lebt, um das Geld für die tägliche Kinokarte aufzubringen, ist es irgendetwas zwischen Lebensinhalt und Religion. Bei Herrn Weizmann die fast schon anthropophagische Verehrung von Zarah Leander. Und bei dem Sammlerfreak, der die vergilbten Nachrufe der Stars auf dem Bett seiner verstorbenen Ehefrau auftürmt, möchte man es vielleicht gar nicht so genau wissen. Gemeinsam ist ihnen die unbedingte Sehnsucht nach einer Zeit, in der Komödien noch Lustspiele hießen, die Männer Epauletten trugen und das Militärische noch nicht diesen schlechten Ruf hatte. Nostalgie und Verdrängung, die Sehnsucht nach dem alten Österreich und eine gewisse Affinität zu dem, was darauf folgte, sind in diesem Kosmos ohnehin kaum zu trennen. "Die Gegenwart ist eh grausig", heißt es einmal, und wer wollte da ernsthaft widersprechen.
So antimodern weltabgewandt die Vorliebe für ein Kino, in dem Peter Alexander immer noch als junger Hüpfer durchgeht, so schonungslos die Sicht der einzelnen Bellaria-Besucher auf sich selbst. Wenn sie in ihren verwohnten Küchen und überladenen Stuben sitzen, von unglücklichen Ehen und skurrilen Sammelleidenschaften sprechen, wenn sie sich beim einsamen Einkaufen filmen lassen und immer wieder erwartungsvoll die kleine Treppe ins Kino hinunterwackeln, dann möchte man den Hut ziehen vor einer Nüchternheit, die dem eigenen Leben, Altern und Tod weniger Beachtung schenkt als der nächsten Wessely-Matinee.
Einmal besucht Karl Schönböck das Bellaria, der Mann, der in den Dreißigern meistens hoch gewachsene Kavaliere, Bonvivants und weltläufige Salonherren spielte. Die Damen sind begeis-tert! Schönböck kommt sogar ins Kino und schaut sich selbst als Fregattenkapitän zu, in einem Film, den er seit 60 Jahren nicht mehr gesehen hat. Nach der Vorstellung wirkt er ein wenig benommen zwischen all den Autogrammen und Glückwünschen, als sitze ihm die Begegnung mit dem eigenen jugendlichen Abbild noch in den Knochen. Wenige Monate nach der Visite, so verrät ein Insert, ist Schönböck mit über 90 Jahren in München gestorben. Tatsächlich steht die ganze Bellaria-Clique mit einem Bein im Grab, haftet den rituellen Kinobesuchen auch etwas von einer kollektiven Geisterbeschwörung an, drängen sich Totenschädel und Grabsteine mit natürlicher Insistenz ins Bild. Mit den Friedhofsspaziergängen zu den letzten Ruhestätten der Stars scheint sich der Kreis zu schließen, schließlich ist der Himmel auch eine Art Kinosaal, in dem irgendwann alle wieder zusammenkommen. "Ein mittelmäßiges Begräbnis für ein mittelmäßiges Leben" wünscht sich Herr Mosch und meint das gar nicht mal kokett.
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