Breitschultrig, im Maßanzug und mit eingefrorenem Grinsen geht Ramush Haradinaj immer mitten auf der Straße, wo ihn alle sehen. Kein Auto kommt an ihm vorbei. Im Rinnstein marschieren, in Anzug und mit Krawatte, ernst und wichtig, seine Bodyguards. Ramush geht schnell, setzt die Beine wie ein Seemann, der noch stehen muss, auch wenn der Untergrund schon schwankt. Vor zehn Jahren war der heute 34-jährige Ramush Rausschmeißer einer Disco im schweizerischen Leysin, einem teuren Skiort in den Waadtländer Alpen nahe dem Genfer See. Dann ging er nach Tirana. Er stieg zum Herrn der UÇK in der Region Dukagjin auf, wurde nach dem Krieg Vorsitzender der "Zukunftsallianz" und Nummer drei der informellen Machthierarchie der Provinz. Weil er so schön aufsagen konnte, was der Westen unter "moderner Politik" verstehen wollte, war er eine Zeit lang sogar dessen Hoffnungsträger.

Doch dann, eines Nachts im Juli 2000, tauchte Ramush mit bewaffnetem Gefolge auf dem Hof der Familie Musaj in Strellc nahe seinem Heimatdorf in der Region Dukagjin auf und lieferte sich mit den Musaj-Leuten ein Gefecht. Ein paar Tage zuvor sollen Ramushs Leute vier Männer aus dem verfeindeten Musaj-Clan ermordet und in einen See geworfen haben. Wie es Brauch ist, waren Leute des Musaj-Clans dann zu Ramush gekommen, um ihre Leichen zu holen. Das aber hielt die Nummer drei des Kosovo keineswegs für nötig und stattete mit 40 Männern dem Hof der Musajs in jener Nacht einen Besuch ab. Dieser nächtliche Auftritt in Strellc hat schwerwiegende Folgen: Der Staatsanwalt der UN-Verwaltung im Kosovo stellte den Parteichef Ramush Haradinaj deswegen jetzt unter Anklage.

Jede neue Regierung wechselt zuerst den Zollchef aus

Für seine Anhänger, die regelmäßig in Prishtina für ihn demonstrieren, ist Ramush ein Idol. Egal, was er getan hat - entscheidend ist allein: Für wen?

Nach einem Jahrzehnt voller Kriege sind Politik und Verbrechen in den neuen Kleinstaaten auf dem Balkan nicht mehr zu unterscheiden. Es ist nur ein gradueller Unterschied, ob es die eigene "Ethnie" oder die eigene Familie ist, für die gemordet und vertrieben, geplündert und besteuert wird. Niemand hält den Unterschied für wesentlich. Die neuen Staaten auf dem Gebiet des zerfallenen Jugoslawien sind keine Gemeinwesen, sie sind steuerbare Instrumente in der Hand kleiner Organisationen - politischer Parteien etwa oder ethnischer und bisweilen rein krimineller Gruppen.

In Bosnien und Makedonien wechselt seit zehn Jahren jede neue Regierung zuerst den Zoll- und den Polizeichef aus - nicht um dem Schmiergeldunwesen ein Ende zu machen, sondern um es mit den eigenen Leuten weiterzuführen.

Politik und Verbrechen sind in den Balkanstaaten eng miteinander verquickt, Kriminalität wird von höchster Stelle gedeckt. Mit Rechtsstaat und Demokratie haben die Nachkriegseliten nicht viel im Sinn. Politik dient als "Cover-up", wie Kriminalisten die scheinlegalen Umtriebe der Banden nennen: Politik ist Mittel zur persönlichen Bereicherung, verschafft Schmugglern, Betrügern und Erpressern Immunität und internationale Reputation.