Der Geschmack von Freiheit und Anarchie

Auf dem Balkan haben sich Verbrecher und Staatsmänner verbündet, um gemeinsam vom Zigarettenschmuggel zu profitieren. Mittlerweile handeln die Kartelle auch mit Frauen und Rauschgift. Polizeifahnder sind machtlos oder mit von der Partie

Breitschultrig, im Maßanzug und mit eingefrorenem Grinsen geht Ramush Haradinaj immer mitten auf der Straße, wo ihn alle sehen. Kein Auto kommt an ihm vorbei. Im Rinnstein marschieren, in Anzug und mit Krawatte, ernst und wichtig, seine Bodyguards. Ramush geht schnell, setzt die Beine wie ein Seemann, der noch stehen muss, auch wenn der Untergrund schon schwankt. Vor zehn Jahren war der heute 34-jährige Ramush Rausschmeißer einer Disco im schweizerischen Leysin, einem teuren Skiort in den Waadtländer Alpen nahe dem Genfer See. Dann ging er nach Tirana. Er stieg zum Herrn der UÇK in der Region Dukagjin auf, wurde nach dem Krieg Vorsitzender der "Zukunftsallianz" und Nummer drei der informellen Machthierarchie der Provinz. Weil er so schön aufsagen konnte, was der Westen unter "moderner Politik" verstehen wollte, war er eine Zeit lang sogar dessen Hoffnungsträger.

Doch dann, eines Nachts im Juli 2000, tauchte Ramush mit bewaffnetem Gefolge auf dem Hof der Familie Musaj in Strellc nahe seinem Heimatdorf in der Region Dukagjin auf und lieferte sich mit den Musaj-Leuten ein Gefecht. Ein paar Tage zuvor sollen Ramushs Leute vier Männer aus dem verfeindeten Musaj-Clan ermordet und in einen See geworfen haben. Wie es Brauch ist, waren Leute des Musaj-Clans dann zu Ramush gekommen, um ihre Leichen zu holen. Das aber hielt die Nummer drei des Kosovo keineswegs für nötig und stattete mit 40 Männern dem Hof der Musajs in jener Nacht einen Besuch ab. Dieser nächtliche Auftritt in Strellc hat schwerwiegende Folgen: Der Staatsanwalt der UN-Verwaltung im Kosovo stellte den Parteichef Ramush Haradinaj deswegen jetzt unter Anklage.

Jede neue Regierung wechselt zuerst den Zollchef aus

Für seine Anhänger, die regelmäßig in Prishtina für ihn demonstrieren, ist Ramush ein Idol. Egal, was er getan hat - entscheidend ist allein: Für wen?

Nach einem Jahrzehnt voller Kriege sind Politik und Verbrechen in den neuen Kleinstaaten auf dem Balkan nicht mehr zu unterscheiden. Es ist nur ein gradueller Unterschied, ob es die eigene "Ethnie" oder die eigene Familie ist, für die gemordet und vertrieben, geplündert und besteuert wird. Niemand hält den Unterschied für wesentlich. Die neuen Staaten auf dem Gebiet des zerfallenen Jugoslawien sind keine Gemeinwesen, sie sind steuerbare Instrumente in der Hand kleiner Organisationen - politischer Parteien etwa oder ethnischer und bisweilen rein krimineller Gruppen.

In Bosnien und Makedonien wechselt seit zehn Jahren jede neue Regierung zuerst den Zoll- und den Polizeichef aus - nicht um dem Schmiergeldunwesen ein Ende zu machen, sondern um es mit den eigenen Leuten weiterzuführen.

Politik und Verbrechen sind in den Balkanstaaten eng miteinander verquickt, Kriminalität wird von höchster Stelle gedeckt. Mit Rechtsstaat und Demokratie haben die Nachkriegseliten nicht viel im Sinn. Politik dient als "Cover-up", wie Kriminalisten die scheinlegalen Umtriebe der Banden nennen: Politik ist Mittel zur persönlichen Bereicherung, verschafft Schmugglern, Betrügern und Erpressern Immunität und internationale Reputation.

Begonnen hat die organisierte Verflechtung von Politik und Kriminalität mit den Kriegen Anfang der neunziger Jahre. In Belgrad wies der Geschäftsmann Vanja Bokan seinen Freund, den serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic, auf eine originelle Finanzierungsquelle hin: Weltweit agierende Zigarettenkonzerne wie BAT, Philip Morris oder Reynolds verkauften ihre Ware nicht nur an Lizenznehmer, die die Tabakwaren versteuern, mit Banderolen versehen und in ihren Ländern vertreiben

sie verkauften genauso an dubiose Agenten wie etwa den italienischen Mafioso Gerardo Cuomo, der im Sommer 2001 wegen Zigarettenschmuggels von der Schweiz an Italien ausgeliefert wurde.

Sechs Großhändler aus der Schweiz, die meisten Italiener, sind es, die große Mengen amerikanischer Zigaretten aus Zollfreilagern in der Schweiz, den Niederlanden oder Belgien irgendwo in die Welt verschieben. "Das meiste davon", sagt ein deutscher Ermittler gegen Organisierte Kriminalität, "landet auf dem Schwarzmarkt." Von 1993 bis 2001 fanden nach Schätzungen deutscher Zollfahnder mindestens 10 000 Lkw-Ladungen Zigaretten ihren Weg an die montenegrinische Küste und von dort nach Westeuropa. Nach dem damals geltenden Rechtsverständnis handelte es sich um legalen "Transit".

Seit Jahrhunderten ist das verarmte Südosteuropa eine Art Endlager für ausrangierte Ideen. Heute sind die neuen Kleinstaaten in den Grenzen des ehemaligen Jugoslawiens Brutstätten des Organisierten Verbrechens, ist das zerfallene Jugoslawien ein Paradies für Bordellwirte, Gangster - und für Zigarettenschmuggler. Das ehemalige Jugoslawien bot für den Schmuggel ideale Voraussetzungen: eine in allerlei Geschäften versierte Szene mit internationaler Erfahrung, Behörden, die auf informelle Machtzentren hörten, eine Bevölkerung, die sich von der Welt verlassen fühlte und dem Ausland gern eins auswischte. Und drei Häfen, alle knapp 100 Kilometer vom italienischen Bari entfernt. Was aber nach Verlassen der jugoslawischen Häfen mit der Ware geschah, kümmerte die Jugoslawen ebenso wenig, wie sich die US-Konzerne oder die Schweiz für den Weg der einmal verkauften Zigaretten interessierten. An der apulischen Küste wurde die illegale Ware von gut ausgerüsteten Gangsterbanden des lokalen Mafia-Syndikats, der Sacra Corona Unità, in Empfang genommen. Bei Versuchen, die Transporte zu stoppen, wurden fünf Carabinieri getötet.

Anfangs galt der Zigarettenhandel noch als originelle Finanzierungsquelle für einen geächteten Staat wie die Bundesrepublik Jugoslawien. Doch die Szene wuchs ihren Erfindern über den Kopf. Als der Geschäftsmann Vanja Bokan, Milosevic-Freund und Erfinder des staatlichen Zigarettenschmuggels in Serbien, Anfang 2000 in Athen ermordet wurde, war der Umsatz der Schmuggler höher als der Staatshaushalt mancher Balkanländer. Zoran Jacev, einst Geheimpolizist, Berater des makedonischen Innenministers und heute Chef der makedonischen Sektion von Transparency international, rechnet die immensen Beträge vor: Bei bis zu zwei Dollar liegt der Preisunterschied zwischen einem versteuerten und einem unversteuerten Päckchen Marlboro. Die Fracht eines einzigen Lkw kann 1,5 Millionen Dollar Gewinn abwerfen. Allein durch Makedonien, schätzt Jacev, gehen pro Monat Zigaretten im Wert von 310 Millionen Dollar - von der 80-prozentigen Gewinnspanne können Spediteure, Fahrer, Zöllner, Polizisten und Politiker gut leben.

Die Ware wird im Hafen Saloniki legal gelöscht und auf Lastwagen umgeladen.

Am griechisch-makedonischen Grenzübergang werden die Zigaretten dann korrekt deklariert. Auf der Fahrt durch das kleine Makedonien, die nur drei Stunden dauert, vernichtet der Fahrer die Frachtpapiere und erhält in Blace, am Übergang zum Kosovo, neue

die Kosovo-Grenze, so Jacev weiter, sei "kein großes Hindernis", die internationalen Zöllner, die dort Dienst tun, "lernen schnell".

Schmuggel mit Waffen galt Mitte der neunziger Jahre als patriotische Tat, der Zigarettenschmuggel zum Nachteil Westeuropas als billige Rache für das strenge Embargo gegen Serbien von 1995 bis 1999. Der schwarze Handel war staatlich geduldet und verschaffte zunächst den serbischen Kriminellen ein profitables Arbeitsfeld. "Die Sanktionen der neunziger Jahre waren für das Organisierte Verbrechen auf dem Balkan das, was in den zwanziger Jahren die Prohibition für die amerikanische Mafia war", sagt der Zagreber Politikwissenschaftler Zarko Puhovski. Anders als in den USA des Al Capone stand der Feind allerdings außer Landes, und die Polizei war gehalten, wegzusehen. Im Belgrader Schattenreich von Politik, Polizei und Verbrechen hat es in den vergangenen zehn Jahren 142 ungeklärte Morde gegeben. Es starben unter anderen der Expräsident Ivan Stambolic, ein amtierender Minister, zwei Polizeichefs, ein prominenter Journalist, zwei enge Freunde der Familie Milosevic, vier landesweit bekannte Freischärlerführer und einige Dutzend Unterweltbosse. "Wenn mal jemand gefasst wurde", sagt Dobrivoje Radovanovic, Leiter des kriminologischen Instituts in Belgrad, "fand man einen Polizeiausweis bei ihm." Entweder, so die offizielle Erklärung, war der mutmaßliche Täter "gerade auf Urlaub" gewesen, oder er hatte "den Polizeidienst soeben quittiert".

Das Regime Milosevic hatte planmäßig Polizeiausweise in der Belgrader Unterwelt verteilt. "Aus unseren Kriminellen wurden damals Kollegen", erinnert sich der frühere Belgrader Interpol-Chef Budimir Babovic, "die wurden kurzerhand angestellt und waren damit immun." Und etliche von ihnen starteten in Kroatien oder Bosnien als serbische "Kriegshelden" eine zweite, nicht minder kriminelle Karriere. Prominentester Vertreter war der berühmte Ausbrecherkönig und spätere Kriegsverbrecher Zeljko Raznatovic "Arkan", der im Februar 2001 ermordet wurde. Sie alle verklärten sich, unterstützt von der Belgrader Presse, zu Robin Hoods.

In Westeuropa spielen serbische Banden heute, außer in Stockholm und im ostschwedischen Sundsvall, kaum noch eine Rolle. Die kriminellen Kontakte mit dem Westen haben eine höhere Organisationsstufe erreicht. "Um die Mitte der neunziger Jahre", sagt Radovanovic, "kam es zu einem Paradigmenwechsel: Die Politiker waren nicht mehr zufrieden damit, an den Gewinnen der Schmuggler einfach mitzuverdienen, sie stiegen selbst ins Geschäft ein."

29 Millionen Kilo Zigaretten über die Adria in den Westen

1995 beschloss Montenegros junger Premierminister Milo Djukanovic, dem Geschäft mit der Schmuggelware einen offiziellen Charakter zu geben und aus seinem verarmten Land einen ökonomischen Schurkenstaat zu machen. Die Regierung gab von nun an Lizenzen für den "Tabaktransit" aus. Kassiert wurden die Gebühren von einer staatlichen Firma namens Montenegro Tobacco Transit (MTT), die fortan für die ganze Republik die Rolle des Goldesels spielte. Ein Untersuchungsausschuss im Parlament fand vergangenen Juni heraus, dass in den fünfeinhalb Jahren zwischen Anfang 1996 und Mitte 2001 rund 29 Millionen Kilo Zigaretten allein aus dem Hafen Bar über die Adria nach Westen gegangen sind.

Täglich landeten zwei mit Zigarettenstangen gefüllte Iljuschin-Maschinen auf dem Flughafen von Podgorica. Die MTT konnte in den ersten acht Monaten ihres Bestehens 13,6 Millionen Mark an die Staatssicherheit überweisen. Das von MTT beauftragte Transportunternehmen Zetatrans verdiente in der goldenen Zeit von Mitte bis Ende der neunziger Jahre 216 Millionen US-Dollar, für die Hafenverwaltung der Stadt Bar blieben immer noch 7,7 Millionen Dollar übrig.

Wer den stattlichen Rest eingestrichen hat, ermittelten die Parlamentarier.

Der kroatische Zigarettenschmuggler Srecko Kestner beschuldigte im Zagreber Wochenblatt Nacional und im eigens dafür einegerichteten Untersuchungsausschuss des montenegrinischen Parlaments den inzwischen zum Präsidenten aufgestiegenen Djukanovic, er habe sich vom Tabaktransit "Uhren im Wert von 1,5 Millionen Mark" schenken, seine Privatwohnung auf 400 Quadratmeter vergrößern und für weitere 1,5 Millionen einrichten lassen.

"Nackte Unwahrheiten, Erfindungen und Unterstellungen", beschied Djukanovic den Ausschuss pauschal.

Djukanovics Staatsmonopolismus wurde in Serbien ungnädig aufgenommen: Die dort ansässigen Schmugglerbanden brauchten den Zugang zur Küste, um in großem Stil in die EU exportieren zu können, bekamen aber von MTT in Podgorica keine Lizenzen. In Belgrad kam es Anfang 1998 zu einem Kleinkrieg mit etlichen Morden, die von den Behörden "montenegrinischen Separatisten" angelastet wurden. Im Mai desselben Jahres wurde Djukanovic Präsident, brach mit Belgrad, führte die D-Mark als Währung ein und brachte die serbischen Schmuggler damit weiter in Bedrängnis: Auch im innerjugoslawischen Handel waren sie fortan gezwungen, mit den Montenegrinern in Devisen abzurechnen.

Heute stehen die Lager im Hafen von Bar leer, im einst blühenden Yachthafen Zelenika bei Herceg Novi dümpelt nur ein altersschwaches Polizeiboot.

Montenegros Etat, seiner Tabakeinnahmen beraubt, steht vor dem Kollaps. Nach internationalem Druck und einem Ermittlungsverfahren in Italien hatte der staatliche Zigarettenschmuggel aus Montenegro im Sommer 2001 plötzlich ein Ende. Ein Teil des Geschäfts wird zurzeit "reprivatisiert", politische und ethnische Barrieren spielen dabei keine Rolle mehr.

Weil keine steuerfreien Zigaretten mehr ins Land kommen, transportieren technisch hochgerüstete "Speedboats" nun von geheimen Anlegestellen in Montenegro, Albanien und Kroatien Heroin, Kokain, Frauen und Mädchen, die zur Prostitution gezwungen und nach Italien verkauft werden. "So ist es immer, wenn man einmal so etwas wie Erfolg hat", sagt ein hoher europäischer Polizeioffizier resigniert. "Die Schmuggelwege bleiben bestehen, nur die Güter wechseln."

Mit der Umstellung von Zigaretten auf harte Drogen als Handelswaren ging auf dem Balkan - im Schmuggel wie in der Politik - ein Machtwechsel einher.

Albanische Kartelle drangen in die Gefilde des halbstaatlich organisierten Schmuggels in Serbien und Montenegro ein. Wenn es um Organisierte Kriminalität geht, wird der albanische Siedlungsraum - Albanien, Exjugoslawien, Makedonien - in den Berichten europäischer Ermittler mittlerweile als Einheit behandelt. Nach einem Bericht der Internationalen Polizeibehörde Europol in Den Haag gehen 40 Prozent des Heroins für den westeuropäischen Markt durch das Kosovo. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus übernahmen Albaner von türkischen Gangs die so genannte "Balkan-Route", einen historischen Korridor für Drogen zwischen Westasien und der EU. Wie einst die der türkischen so können auch die Chefs der albanischen Banden im Westen zahlreiche Dealer rekrutieren: In Deutschland und Italien leben je 400 000, in der Schweiz 200 000 Albaner. Schon Anfang der achtziger Jahre identifizierte Interpol das südserbische Albanerdorf Veliki Trnovac als Umpackstation für Drogen aus der Türkei. Die Konkurrenz zu den Türken konnten albanische Banden aber erst aufnehmen, als ihre Heimat von einem reinen Transitland zu einer Zone des Drogenkonsums wurde. Anfang der neunziger Jahre sickerte erstmals Heroin aus den türkischen Lagern auf dem Balkan auch in das albanische Umland. Früher war der Stoff als geschlossener TIR-Transport durch ihr Siedlungsgebiet gegangen

jetzt machten die ersten Albaner Erfahrungen als Dealer und fanden Geschmack an dem Geschäft.

In Albanien herrschen traumhafte Bedingungen für illegale Geschäfte.

Drogenbosse kaufen Politiker oder übernehmen die wichtigsten Ämter gleich selbst. 1997 wurde der Chef der Mafia-Familie Hasani in der Hafenstadt Durrës Polizeichef

Anfang September griff die Grenzpolizei im italienischen Bari zwei Albaner mit 47 Kilo Heroin auf - ihre Visa hatten sie über das Büro des albanischen Premierministers bekommen. Der wiederum hatte auf Initiative eines sozialistischen Abgeordneten gehandelt. "Der Abgeordnete ist einer Gangster-Familie verbunden", erklärt ein westlicher Geheimpolizist in Tirana den Fall. "Er wird angerufen, soll zwei Visa besorgen. Worum es geht, will er gar nicht wissen." Der Ermittler ist inzwischen verzweifelt: "Mit Geld geht in Albanien alles. Und was auch mit Geld nicht geht, geht eben mit viel Geld." Polizisten wurden ertappt, als sie in ihren Wohnungen Heroin zwischenlagerten oder illegale Auswanderer versteckten. Wenn Kriminalität überhaupt bekämpft wird, dann von der jeweils gegnerischen Bande, die sich gerade die Kontrolle über die Staatsorgane gesichert hat.

Fährt man aus Ferizaji, einer Stadt im Süden des Kosovo, hinauf in die Berge, glaubt man mit jedem Kilometer ein Jahrzehnt tiefer in die Vergangenheit zu kommen. Bald hört der Asphalt auf, ein barfüßiger Junge hält eine Kuh am Strick und schaut ihr beim Grasen zu. Frauen mit Pumphosen und ohne Schneidezähne verschwinden hinter Lehmmauern, wenn ein Auto kommt. Der Hausherr empfängt in einem Salon nach türkischer Art, ein scheues Mädchen serviert Tee. Aber wenn es ums Geld geht, verfliegt der Hauch von Mittelalter sofort. Die Familie betreibt eine gut gehende Elektrofirma, unterhält Kontakte zu Siemens. Ein Sohn ist Physiklehrer und führt nebenher die Geschäfte, ein anderer studiert in Österreich.

Traditionelle albanische Familien sind die perfekten Profit-Center: Mit dem bac, dem ältesten Bruder, haben sie ihren natürlichen Chef, in den jüngeren Brüdern verlässliche Partner, in den Frauen gehorsame Hilfskräfte und in deren Familien ein Netz aus Kontaktpersonen. "Einen Staat, der Rechtssicherheit gewährt, haben die Albaner in ihrer Geschichte nie kennen gelernt", erklärt der Grazer Südosteuropa-Historiker Karl Kaser. "Freiheit" war der einende Schlachtruf - gemeint war die Freiheit von einem seit jeher als feindlich empfundenen Staat. Jeder, oder jede Familie, sollte seinen Geschäften nachgehen können

die Unterscheidung zwischen legal und illegal war bis dato immer nur willkürlich und von den korrupten Behörden getroffen worden. Ergebnis der gewonnenen Freiheitskämpfe sind rechtsfreie Räume, black holes, wie in Nordalbanien, Westmakedonien und zeitweise im Kosovo.

Die von Albanern organisierte Kriminalität ist inzwischen Gegenstand vieler Studien, die unter Verschluss gehalten werden, damit niemand sie als Munition im ethnischen Streit missbrauchen kann. Serbische Medien haben die angeblich "kriminelle Neigung" der Albaner in den vergangenen Jahren gründlich ausgeschlachtet. Der Bestsellerautor Marko Lopusina veröffentlichte Bücher voller Gerüchte über die Siptari, wie die Albaner verächtlich genannt werden.

Auch die meisten mitteleuropäischen Medien heben die ungewöhnliche Brutalität albanischer Gangs hervor. Hartgesottene Kriminologen staunen über kaltblütige Morde an "Verrätern" und über Zuhälter, die ihre Sexsklavinnen einfach mit dem Auto überfahren. In Deutschland fiel die Kaltblütigkeit albanischer Krimineller erstmals 1992 auf: Im Kölner Villenviertel Hahnwald brach eine Bande nicht nur in Häuser ein, sondern quälte und vergewaltigte auch noch Bewohnerinnen. Die gefassten Täter wurden von Komplizen aus dem Gerichtssaal freigeschossen.

Die Hälfte des Heroinhandels in Westeuropa ist in albanischer Hand

Albanische Gangs sind ethnisch streng exklusiv und meistens um Familien gruppiert. Nie umfassen sie mehr als 20 Mitglieder. Riten und Mythen wie bei der italienischen Mafia sind unbekannt

allein Verwandtschaft zählt, allenfalls noch Patenschaft. Albaner kontrollieren nicht Territorien, sondern einzelne Geschäftszweige: Drogen- und Frauenhandel, Schmuggelwege oder das Rotlichtmilieu. 70 Prozent der Prostitution in London, etwa die Hälfte des Heroinhandels in Westeuropa und fast die ganze harte Drogenszene in Baden-Württemberg und der Schweiz sind in albanischer Hand. Banden aus dem Kosovo dominieren den Heroinhandel in Polen und der Slowakei. Das sind Länder, in denen es kaum albanische Emigranten gibt - ein Zeichen dafür, dass mächtige Kartelle systematisch ihren Markt ausweiten. Flüssiges Kokain, das im Juni bei einer Razzia in Albanien gefunden wurde, weist auf Kontakte mit Lateinamerika hin. Gabriela Konevska, Leiterin des südosteuropäischen Crime Center in Bukarest, hat für die "elegante Logistik" einiger besonders professioneller Zellen eine gewisse Bewunderung übrig: "Sie gehen strategisch vor, erstellen exakte Analysen und bedienen sich dabei ahnungsloser Experten.

Zuweilen organisieren sie sogar Seminare mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen und werten die Ergebnisse für sich aus."

Der Drogenhandel hat den Zigarettenschmuggel inzwischen weit überholt. In sechs albanischen Städten haben internationale Ermittler 23 Familien ausgemacht, die das Geschäft kontrollieren. Haschisch, das in Albanien inzwischen in großem Stil angebaut wird, geht noch überwiegend mit Maultieren aus dem Land, die ihren Weg über die Berge ohne menschlichen Begleiter finden. Heroin und Kokain hingegen kommen auf dem Luft- oder auf dem Seeweg aus Afghanistan oder Kolumbien. Ägyptische Mittelsleute, die in Albanien als Investoren auftreten und dort Banken gründen, stellen den Kontakt mit asiatischen und lateinamerikanischen Kartellen her. Mit kolumbianischem Geld werden in Tirana gerade zwei riesige Bürotürme gebaut.

Im Kosovo sind die Beziehungen der kriminellen Szene zur Politik ebenso eng.

Die nicht anerkannte Republik Kosova unter Präsident Ibrahim Rugova erhob in den neunziger Jahren eine feste Steuer von fünf Prozent auf Löhne und acht bis zehn Prozent auf selbstständige Einkünfte. Finanzämter gab es damals nicht, nur Vertrauensleute, die viel Autorität mitbringen mussten, wenn sie Geld eintreiben wollten. Wie viel diese Leute für sich und die Familie abzweigten, war nicht kontrollierbar. Die Parallelstrukturen der gerühmten "Untergrund-Republik" im Gebiet des Kosovo gaben für das Organisierte Verbrechen einen idealen Nährboden ab. Neben Rugovas "Demokratischer Liga des Kosovo" erhoben nun auch die Finanziers der UÇK eigene Beiträge. Was man davon als Steuer auf den Befreiungskampf und was als bloße Schutzgelderpressung wertet, ist eine Frage der Perspektive. Aus der Szene der Steuereintreiber von damals gingen etliche Mächtige von heute hervor - allen voran der Rebellenführer Ali Ahmeti, der einst in der Schweiz Geld für die radikale "Volksbefreiungsbewegung" sammelte und bei den makedonischen Parlamentswahlen Mitte September unter den makedonischen Albanern die meisten Stimmen erhielt. Ahmeti ist zwar nicht Mitglied der Regierung, aber der starke Mann, der das Kabinett von außen steuert.

Im wohl finstersten Winkel Europas, eine Tagesreise von Albaniens Hauptstadt Tirana entfernt, liegt die Kleinstadt Bajram Curri. Hunde schnüffeln im Müll, kein Mensch geht vor die Tür. Aber ab und zu schleicht ganz langsam, leise und drohend ein schwarzes BMW-Kabrio durch die Kleinstadt. Alle Fensterscheiben sind verdunkelt. Wenn sich der Junior des landesweit brutalsten Clans im unwirtlichen Nordosten Albaniens zeigen will, senkt sich die hintere Seitenscheibe, und es erscheint das bärtige Gesicht von Ylli Haklaj. Ein Mann von kaum 30 Jahren, mit einem bohrenden Blick, einer schwarzen Mütze auf dem Kopf und dem roten Wappen der UÇK darauf.

Bajram Curri wurde berühmt, weil sein Polizeichef eines Tages sein Amt niederlegte, tags darauf einen Mann mit neun Schüssen tötete und anschließend um Wiedereinstellung in den Polizeidienst bat. Seine Familie, die zweitmächtigste in der Stadt, hatte neun Opfer zu rächen. Von dieser Welt aus, der albanischen Provinz Tropoja, operierte seit 1998 die UÇK. Tropoja ist eine rechtsfreie Gegend, die von kriminellen Familien kontrolliert wird.

Den jungen kosovarischen Idealisten aus Deutschland oder der Schweiz, die hier in die Trainingslager kamen, stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

Kontrolle über Schwarzgeld, das auch jederzeit geraubt oder abgepresst werden kann, ist seit langem das wichtigste Machtmittel politisch ambitionierter Kosovaren. Im Kosovo selbst wurden etliche Familien schon vor vielen Jahren durch Schmuggel reich. Strahlendstes Beispiel ist die Luka-Familie aus Peja, die eine Druckerei, einen Radiosender und etliche Lagerhäuser unterhält und den Parteiführer Ramush Haradinaj finanziert. Die damals rein serbische Polizei verdiente mit. "Wir haben uns immer gewundert, dass sich für den schweren Dienst im Kosovo so viele Freiwillige fanden", erinnert sich der frühere Belgrader Polizeiführer Babovic, "bis wir erfuhren, dass sie dort alle steinreich wurden."

Dass im Kosovo politische und mafiose Macht oft in einer Hand liegen, ist auch ein Legat der Kriegszeit, als sich die Kommandanten ihre Aktionsgebiete aufgeteilt hatten. Nato-Truppen, OSZE-Missionen, UN-Polizei, Zivilverwaltungen, "Sondergesandte" und "Hohe Repräsentanten", wie der Westen sie fast überall auf dem Balkan etabliert hat, kriegen von den ubiquitären Netzwerken selten etwas zu fassen. "Es ist eine Sisyphusarbeit", klagt ein Ermittler im Kosovo. Die Bevölkerung schweigt. Selbst unter den chronisch optimistischen Diplomaten wächst der Frust. Auf Geberkonferenzen kommen Milliarden zusammen, aber in keinem Balkanstaat ist die Wirtschaft je wieder in Schwung gekommen.

Wo das Geld sitzt, ist mit bloßem Auge zu erkennen. Fährt man aus dem elenden Nordalbanien auf die montenegrinische Grenze zu, tauchen rechts und links der Straße schmucke, mit roten Ziegeln gedeckte Einfamilienhäuser auf, umgeben von gepflegten Rasenstücken, manche mit Gartenzwergen und alle mit einem Mittelklassewagen vor der Tür. In Kiseljak, einer Kleinstadt bei Sarajevo, stößt man auf mehr BMW-Kabrios als auf der Münchner Leopoldstraße. Von hier aus wurde im Krieg die serbische Republik mit Treibstoff versorgt. Auf dem von Slums gesäumten Weg von Tirana zum Hafen von Durrës ragen Paläste im albanischen Barock auf, dreistöckige Prunkbauten mit dorischen Säulen auf dem Balkon, Gipslöwen zu beiden Seiten des Tores und reichlich Messing an Türen und Fenstern. Hier, im Dorf Shijak, wohnen Familienmitglieder einiger überaus potenter Dealer-Dynastien, die in der Schweiz agieren und den dortigen Drogenhandel kontrollieren.

In Albanien lässt sich das Verbrechen kaum bekämpfen

Das geschulte Auge der Ermittler sieht, wo das Geld der Schmuggler gesäubert wird: an Tankstellen. Auf den gut 50 Kilometern zwischen Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo, und dem Städtchen Kaçanik nahe der makedonischen Grenze gibt es 27. "Tankstellen sind die idealen Geldwaschanlagen", sagt ein deutscher Ermittler in Prishtina, ebenso wie die überdimensionierten "Motels", die man überall auf dem Balkan finden kann. Fährt man ins bosnisch-serbische Banja Luka, passiert man zwei einander gegenüber liegende Tankstellenpaläste, die einem modernen Stadttor ähneln und dem örtlichen Großunternehmer Roguljic gehören, der in vielerlei Branchen zu Hause ist.

Hinter einer der beiden Tankstellen liegt Roguljics Motel Bomi, Treffpunkt aller Eliten der bosnischen Serben seit Radovan Karadzic.

Was aus der EU unternommen wurde, um die ständig wachsenden Schmuggelkapazitäten einzudämmen, blieb bislang erfolglos. Im UN-Protektorat Kosovo kann internationale Polizei immerhin selber ermitteln und Verdächtige festnehmen. Trotzdem hielten die Ausländer sich zunächst zurück. Bernard Kouchner, der erste Sondergesandte, schützte die UÇK-Fürsten aus Furcht, die Provinz könnte unregierbar werden. Er bemühte sich nur, die ganz Großen draußen zu halten - etwa den Schweizer Bürger Bexhet Pacolli, der mit seinem Baukonzern Mabetex durch Geschäfte mit Boris Jelzin zum reichsten Kosovaren der Welt wurde. Seit Januar dieses Jahres, als der Deutsche Michael Steiner Chef der Übergangsverwaltung der UN in der Provinz Kosovo wurde, weht dort ein neuer Wind: Eine Sondereinheit Organisierte Kriminalität wurde gegründet, zwei Produktionsstätten von gefälschten Marlboro wurden entdeckt, Waffenlager und Drogendepots ausgehoben. Vier Kommandeure des Kosovo-Schutzkorps TMK, ehemalige UÇK-Anführer, die sich das Territorium der Provinz in Einflusszonen aufgeteilt haben, wurden im Juni verhaftet. Der befürchtete Aufstand der Kosovo-Albaner gegen die Festnahme ihrer "Nationalhelden" blieb aus. Tägliche Demonstrationen in Prishtina verläpperten, das Volk mochte sich mit der Parole "Freiheit den Befreiern" nicht identifizieren.

In Albanien und Bosnien, wo die EU zum einen Schiedsrichter zerstrittener politischer Lager, zum anderen Rat- und wichtigster Geldgeber ist, lässt sich das Verbrechen kaum noch bekämpfen. In Albanien werden Gesetze zwar brav verabschiedet, vollzogen werden sie nicht. Auf diplomatischer Ebene haben sich inzwischen Dutzende Behörden und Gesprächskreise etabliert: Eine Südosteuropäische Kooperationsinitiative etwa unterhält das Crime Center in Bukarest, es gibt den Stabilitätspakt für Südosteuropa und seine Initiative gegen organisiertes Verbrechen (SPOC). Auch der Europarat mochte nicht abseits stehen und hat zum gleichen Thema ein "Programm" namens Paco ins Leben gerufen.

"Da treffen sich immer dieselben Leute auf den gleichen Konferenzen und Kongressen und schreiben ihre Berichte voneinander ab", kritisiert ein hoher Polizeibeamter, "und keiner der vielen ist wirklich operativ tätig." Europol untersteht dem EU-Ministerrat, geprägt durch nationale Eifersüchteleien und politische Rücksichtnahmen. Zuständigkeiten muss die Europäische Polizeibehörde in Den Haag den Ministern scheibchenweise abringen. Interpol ist für alles zuständig. "Wenn Sie da eine Anfrage stellen", klagt der Polizist, "kriegen Sie nach neun Monaten die Antwort auf eine Frage, die Sie nie gestellt haben."

Vermeintliche Fortschritte erfassen die Diplomaten und Ministerialbeamten in nationalen Ratings. So darf die makedonische Regierung stolz darauf sein, dass ihr Land bei der Bekämpfung des Frauenhandels neben Deutschland und den Niederlanden in die "Gruppe 1" aufgerückt ist. Die günstige Beurteilung verdankt Makedonien der Tatsache, dass aufgegriffene Frauen per Gesetz neuerdings nicht mehr einfach abgeschoben, sondern in einem Opferzentrum in Skopje untergebracht werden. Dass gleichzeitig die Zahl der Bordelle explodiert, bleibt beim Rating außer Betracht. Dabei lassen sich diese Puffs ohne Nötigung und Menschenhandel gar nicht betreiben. "Keine einzige der Frauen aus Moldawien oder der Ukraine kommt freiwillig nach Makedonien", sagt Zoran Jacev, Spezialist für Organisierte Kriminalität in Skopje. Bei einer Razzia im makedonischen Bitola im Juli blieben zwei der zahlreichen Bordelle unangetastet. Sie gehörten der Polizei.

Weitere Informationen im Internet: www.zeit.de/2002/46/balkan

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    • Von Norbert Mappes-Niediek
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 46/2002
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